Der Peiniger und sein Opfer im Zoo: ein postmoderner Zugang zum "Horror unter uns".
Der Peiniger und sein Opfer im Zoo: ein postmoderner Zugang zum "Horror unter uns".

Beim gemeinsamen Abendessen steht der Mann auf, nimmt mit der einen Hand ein Messer vom Esstisch, mit der anderen seinen Penis aus der Hose und fragt den kleinen Jungen ihm gegenüber: "Was soll ich dir lieber reinstecken?"

Der erste Satz dieses Textes soll also alarmieren, vielleicht sogar schockieren, verstören. Doch ist die Aufmerksamkeit einmal gewonnen, gilt es, sie nicht zu enttäuschen. Was wird mit diesem Satz nun getan, wo führt er hin - und bringt das etwas? Ähnlich verhält es sich mit (der Betrachtung von) Markus Schleinzers erstem Film, "Michael", der im Wettbewerb des diesjährigen Filmfestivals in Cannes seine Weltpremiere feierte - und ein neues Level alltäglicher Horror-Kontemplation bietet. Am Anfang steht die bewusste Provokation, einen Film über einen Pädophilen, der einen kleinen Jungen im Keller hält, aus der Sicht des Täters zu erzählen, wenn auch Schleinzer zwischen subjektiver und auktorialer Perspektive wechselt und niemals interpretiert: Michael (beachtlich: Michael Fuith) macht Frühstück für zwei, geht zur Arbeit, wo er unter den Kollegen der Einzelgänger ist, kocht kindgerechte Mittagessen, will es "richtig" machen, das, was man woanders Zusammenleben, Beziehung nennt. Er teilt sich mit dem Buben die Hausarbeit, bringt ihn früh genug ins Bett, vergewaltigt ihn zwischendurch, seelisch, körperlich, fährt irgendwann auf Skiurlaub, für eine lange Woche.

Formal ist Schleinzer, der bisher vornehmlich als Caster für Regisseure wie Ulrich Seidl und vor allem Michael Haneke arbeitete, besonders den früheren Arbeiten Hanekes nahe: ein distanzierter Umgang mit dem alltäglichen Grauen in starrer Kadrierung, kühlen Farben, eineArtpostmodernerZugang, den "Horror unter uns" in einer scheinbaren Beiläufigkeitdarzustellen; ein Zugang aber auch, in dem Form leicht über Inhalt regiert.

Beklemmung, ja und?


Ohne je explizit zu werden, liefert Schleinzer mit diesem Film Bilder zu all den Nachrichtenmeldungen, die im Zuge der Kampusch- und Fritzl-Dramen durch die Medien schwappten. Die Außenwelt ist auch in "Michael" omnipräsent; irgendwo hört man das Radio, oft läuft im Hintergrund der Fernseher. Bei den Nachrichten schaltet Michael immer um.

Die Tatsache, dass dieser Film von realen Ereignissen inspiriert ist, aber dennoch eine fiktive Geschichte erzählt, macht ihn per se zu einer Art Schaukasten "alltäglicher Abgründe". Doch was dann? Natürlich erzeugt dieser Film Beklemmung. Doch in seinem distanzierten Grundprinzip unterscheidet er sich nicht von den alltäglichen Nachrichten: einem Zuseher hingestellt, nicht mehr, nicht weniger. Um darüber hinaus - oder tiefer hinein - zu reichen, müsste dieser Film mehr versuchen, sich mehr trauen, als die Kontemplation zu pflegen. Denn der echte Horror liegt im Angebot zur Indifferenz. Und darin, dass dies kaum jemand mehr bemerkt.

Drama

Michael, Ö 2011
Regie: Markus Schleinzer
Mit Michael Fuith, David Rauchenberger