Bertram Verhaags Film "Gekaufte Wahrheit" (ab Freitag im Kino) versucht, Licht in die Machenschaften der Industrie zu bringen.

"Wiener Zeitung": In "Gekaufte Wahrheit" zeigen Sie, dass die möglichen Gefahren genmanipulierter Nahrung nicht wissenschaftlich untersucht sind. Wie kann das sein?

Bertram Verhaag: Weil 95 Prozent der Wissenschafter, die im Bereich der Gentechnik forschen, direkt oder indirekt von der Industrie finanziert werden. Denn sobald jemand etwas veröffentlicht, das den Interessen der Industrie zuwiderläuft, etwa dass Ratten eine höhere Sterblichkeit, ein schwächeres Immunsystem oder eingeschränkte Zeugungsfähigkeit aufweisen, nachdem sie mit gentechnisch veränderten Pflanzen gefüttert werden, macht die Industrie unglaublichen Druck. Gentechnisch manipulierte Lebensmittel sind insgesamt billiger für die Industrie als natürliche. Kritische Wissenschaftler bekommen keine Forschungsgelder oder werden als interessengeleitete Aktivisten verunglimpft oder verlieren sogar ihren Job.

Im Frühjahr 2001 zog das weltweit wichtigste Wissenschaftsmagazin "Nature" einen Artikel zurück, den der renommierte Biologe Ignacio Chapela einige Monate zuvor eingereicht hatte. Warum?

Er berichtete darin über die Vermischung von einheimischem mexikanischen Mais mit gentechnisch veränderten Sorten, also in einem Land, in dem gentechnisch angebaute Produkte strikt verboten sind. Oaxaca, wo der gentechnisch veränderte Mais gefunden wurde, ist zudem nicht irgendein Winkel dieser Erde. Dort ist das genetische Reservoir der Urmais-Sorten für die ganze Welt. Chapelas Entdeckung war daher höchst alarmierend für die Industrie und traf eine Achillesferse der Gentechnik-Betreiber: die Frage der Koexistenz.

Wissen die Bauern in Oaxaca, dass der Mais, den sie als traditionellen Mais verkaufen, genmanipuliert ist?

Die haben keine Ahnung.

Ein anderer führender Nahrungsmittelforscher, Árpád Pusztai, sagt im Film, wir befänden uns in einem großen Menschenversuch ohne Kontrollgruppe. Wie ist das zu verstehen?

Es gibt bis heute keine einzige Studie, die schlüssig erklären würde, welche positiven und welche negativen Eigenschaften eine gentechnisch veränderte Pflanze hat. Pusztai hatte im August 1998 im britischen Fernsehen ein kurzes Interview gegeben, in dem er von Testreihen mit Ratten berichtete, die mit einer gentechnisch veränderten Kartoffel gefüttert worden waren. Sie erlitten gravierende Organkrankheiten, Entzündungen, Immunschäden und retardiertes Organwachstum. Innerhalb weniger Stunden war Pusztai im heftigsten politischen Kreuzfeuer, sogar der damalige britische Premierminister Tony Blair hat interveniert. Pusztai wurde verboten, sich weiter zu seinen Forschungen zu äußern. Seine Unterlagen wurden konfisziert, der Zugang zu seinen Labors versperrt. Wenig später erhielt er die Kündigung und wurde aus dem nationalen Wissenschaftsgremium ausgeschlossen.

Sie möchten mit Ihren Filmen zeigen, wie groß hier die Gefahr für Meinungsfreiheit und Demokratie ist. Welche Erfolgschancen hat die Anti-Gentechnik-Bewegung?

Es ist ein Riesenerfolg, dass die bayerische Staatsregierung im letzten Jahr den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen verboten hat. Wir Konsumenten werden von der Industrie nicht gefragt, ob wir Nahrungsmittel mit genmanipulierten Inhalten essen wollen. Antworten müssen wir trotzdem, umso lauter.