• vom 27.10.2011, 17:24 Uhr

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Update: 28.10.2011, 11:50 Uhr

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"Mehr Fuck als McDonald’s"




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Von Matthias Greuling

  • Lars von Trier im Gespräch über Adolf Hitler, Richard Wagner und warum er jetzt einen Pornofilm dreht
  • "Ich bin ein Nazi", sagte Lars von Trier in Cannes - hier sagt er, warum das falsch war.

Die Zeit läuft ab in Lars von Triers neuem Film "Melancholia".

Die Zeit läuft ab in Lars von Triers neuem Film "Melancholia". Die Zeit läuft ab in Lars von Triers neuem Film "Melancholia".

In Cannes schockierte der dänische Regisseur Lars von Trier im Mai mit seiner Aussage, er sei ein Nazi, was ihn zur Persona non grata beim Festival machte. Freilich, ernst gemeint hat er seine Aussage nach eigenen Angaben nicht - schließlich ist Von Trier schon lange für seine provokanten Sprüche bekannt. Unlängst verlautete er, aufgrund der Missinterpretation seiner Nazi-Sager nie wieder Interviews geben zu wollen. Die "Wiener Zeitung" hatte noch Gelegenheit, sich mit Von Trier zu unterhalten und nicht nur über Nazis zu sprechen, sondern auch über seinen neuen Film "Melancholia", Richard Wagner und sein nächstes Filmprojekt, den Pornofilm "Nymphomaniac".

"Wiener Zeitung": Herr von Trier, wie haben Sie es gemeint, als Sie in Cannes bei der Pressekonferenz zu "Melancholia" sagten, Sie verstünden Hitler?


Lars von Trier: Meine Wortwahl in Cannes tut mir leid. Denn hätte ich diese Aussage auf Dänisch getroffen, wäre sie viel nuancierter gewesen: Natürlich stimme ich mit nichts überein, was Hitler getan hat. Das Einzige, was ich sagen kann, ist - vor allem, nachdem ich Bruno Ganz in "Der Untergang" gesehen hatte - dass in Hitler ein kleiner Mann steckte, genauso wie in jedem von uns ein kleiner Nazi steckt. Das war mein Punkt, aber der kam überhaupt nicht rüber. Ich war ein kompletter Idiot, ich war naiv und dumm. Ich habe auf meine Pommes gepisst, so heißt das auf Englisch, glaube ich. Aber wir sollten uns auch darum sorgen, nicht über Dinge zu sprechen, nur weil es verboten ist. Das bringt uns nirgendwohin. Nur die Art, wie ich es tat, war idiotisch. Aber ich muss dazu sagen, dass die Macht in mir, die mich dazu anleitet, dumme Dinge zu tun, dieselbe Macht ist, die es mir ermöglicht, Filme zu machen. Nun gut, meine Filme mögen ja auch dumm sein.

Werden Ihre Aussagen Ihrem Film "Melancholia" schaden?

Möglicherweise, denn manche Länder wollen den Film deshalb nicht kaufen. Es wurde vieles aus dem Zusammenhang gerissen, und am Ende blieb übrig, ich würde mit Hitler sympathisieren. Über jemanden, der mit Hitler sympathisiert, würde ich auch sagen: Fuck him. Sie wissen ja, wie Medien funktionieren. Also natürlich schadet das dem Film.

Welche Idee steckt hinter dem Begriff "Melancholia"?

Früher glaubte man, dass melancholische Menschen mehr wussten. Man hat sie dazu benutzt, Dinge vorherzusagen, und diese Referenz wollte ich in den Film einbauen. Die Psychologie sagt, dass Melancholie in einer wirklich katastrophalen Lage viel rationalerer handeln lässt, weil solche melancholische Menschen in irgendeiner Weise schon an dem Punkt waren.

Sie beginnen "Melancholia" ganz ähnlich wie "Antichrist". Inwiefern gehören diese Filme zusammen?

Meine Trilogien sind ja immer nur zwei Filme, wie Sie wissen (lacht). In diesem Sinne handelt es sich dabei also auch um eine Trilogie.

Manche Kritiker wähnen in "Melancholia" einen neuen Schritt für Sie in Richtung Mainstream. Was sagen Sie dazu?

Ich werde niemals Mainstream-Filme drehen. Vor meinen dummen Aussagen hatte ich ein Gespräch mit Gilles Jacob (dem Präsidenten des Cannes Film Festivals, Anm.). Er sagte, dass ich bei meinem ersten Cannes-Besuch in einer Lederjacke kam, und heute komme ich im Smoking. Er meinte, das passiere mit Rebellen, wenn sie zurück zur Herde kommen. Das sollte man mir aber nicht sagen. Also ist Gilles schuld, dass ich jetzt einen Pornofilm drehe. Denn ich will wieder der Rebell sein. Ich habe auch mit 55 Jahren noch diesen Drang danach.

Ihr nächster Film wird also tatsächlich ein Porno?

Er wird "The Nymphomaniac" heißen und ist ein Film über die erotische Evolution einer Frau zwischen 0 und 50 Jahren. Sie haben vielleicht Marquis de Sade gelesen, wo es sehr harte Sexszenen gibt, und dazwischen viel Herumphilosophieren.

Wie in einem französischen Film.

Ja, wie in einem sehr französischen Film (lacht).

Bleibt bei dem vielen Herumreden dann noch Zeit für Sex?

Ich plane, eine Hardcore-Version zu drehen, denn ich kann mir nicht vorstellen, einen Film über Erotik zu machen, ohne darin eine Fotze und einen Schwanz zu sehen. Ich werde aber auch eine Softcore-Version drehen, denn sonst lässt sich dieses Projekt nicht finanzieren. Ich muss clever sein, was die Besetzung angeht. Ich will eine reale Version drehen, in der nichts nachgestellt oder mit Doubles gemacht wird.

Wenn man "Melancholia" als einen wirklich wunderschönen Film bezeichnet, wären Sie dann beleidigt?

Ja und nein. Ich weiß ja, was ich getan habe. Ich spiele mit der deutschen Romantik. Einige Szenen erinnern mich an diese Schokoladen-Werbespots. Vielleicht wäre der Film ohne diesen Werbespot-Look stärker geworden.

Finden Sie Ihren Film misslungen?

Ich habe Verwandte, die ihr ganzes Leben lang unter Melancholie litten, und sie waren von meinem Film tief bewegt. Das heißt, ich habe da etwas richtig gemacht. Der Film hat nur die Tendenz, ein bisschen wie McDonald’s auszusehen. Das passt gar nicht zu dem "Fuck" auf meiner Hand (zeigt seine Tätowierung auf der rechten Hand, bei der auf den Fingern die Buchstaben F-U-C-K stehen, siehe Foto). Der Film sollte ein bisschen mehr Fuck als McDonald’s sein.

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Dokument erstellt am 2011-10-27 17:29:11
Letzte Änderung am 2011-10-28 11:50:14


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