Amir Naderi - © Greuling
Amir Naderi - © Greuling

Der iranischstämmige Regisseur Amir Naderi lässt keinen Zweifel daran: Das Ende des Kinos ist nah! Weshalb er mit seinem leidenschaftlichen "Cut" beinahe schon eine Brandrede für dessen Fortbestand gedreht hat - nun zu sehen bei der Viennale.

Mit "Vegas: Based on a True Story"(2008) hat der gebürtige Iraner Amir Naderi, der seit 25 Jahren in den USA lebt, seine Sicht auf dieses Land festgehalten; der Film erzählte die Geschichte eines von Gier getriebenen Paares, das Opfer einer "Real Life"-Wette wird und sich den amerikanischen Traum durch das Umgraben des eigenen Grundstücks zerstört. Dort soll ein Geldkoffer vergraben sein, doch am Ende bleibt Verwüstung. Ein glänzendes Kinostück über die USA und ihr profitorientiertes Gehabe, das international leider nie die Beachtung gefunden hat, die es verdient hätte.

In "Cut", Naderis neuem Film, verbeugt sich der Regisseur vor dem japanischen Kino. Protagonist ist Shuji, ein junger Regisseur und Filmclubbetreiber (Hidetoshi Nishijima). Er ist ein Getriebener, der vor dem Ende des Kinos warnt, der gegen Multiplexe wettert und durch seinen unablässigen Einsatz für die Cinephilie sogar von der Polizei gejagt wird. "Das Kino ist nicht nur Unterhaltung", schreit er durchs Megafon, "erinnert euch an die Zeiten, als es Kunst und Unterhaltung war!" Dazwischen die Namen großer japanischer Regisseure wie Kenji Mizoguchi, Akira Kurosawa oder Nagisa Oshima; Immer wieder besucht Shuji deren Grabstätten, die Kamera zeigt den Grabdeckel von Yasujiro Ozu, auf dem "Nichts" eingraviert ist.

Weil eine Yakuza-Gang von Shuji fordert, die Schulden seines toten Bruders zu zahlen, beschließt er, sich gegen Geld verprügeln zu lassen; 100 Schläge, schafft er das? Shuji assoziiert jeden der 100 Schläge mit einem seiner 100 Lieblingsfilme; sein Blut und seine unstillbare Liebe zum Kino sind es, die ihn in dieser Phase am Leben halten. Naderis flammendes Pamphlet für das Kino hat er auch in unserem Gespräch fortgesetzt.

"Wiener Zeitung": Mit ihrem Film "Vegas" haben Sie ein verstörendes Bild der US-Gesellschaft gezeichnet, Welche Meinung haben Sie heute von Ihrer Wahlheimat?
AMIR NADERI: Ich habe versucht, mich in den USA einzuleben und mir dafür New York ausgesucht, weil es die multikulturellste Stadt ist. Trotzdem ist das nicht leicht, denn die USA sind ein sehr kompliziertes Land. Es wird einem dort als Ausländer sehr schwer gemacht, einen Job zu finden und Geld zu verdienen. Es ist eine sehr leistungsorientierte Gesellschaft, in der jeder die Nummer eins sein will. Nach fünf oder sechs Filmen musste ich in eine andere Stadt. Ich drehte "Vegas: Based on a True Story" und lebte deshalb auch insgesamt drei Jahre in Las Vegas. Das sollte jeder machen, einmal im Leben dort zu leben. Nicht wegen des Gambelns, sondern weil man dort sieht, wie sehr sich Leute über ihr eigenes Limit hinaus pushen. Niemand in Vegas fragt dich, wer du bist. Alle sind dort unbeschriebene Blätter, obwohl sie eine Vergangenheit haben. Das gibt dir ein Freiheitsgefühl. Vegas ist für mich ein eigenes Land innerhalb der USA, nicht bloß eine Stadt. "Vegas" ist ein Film über Amerika geworden. Und danach sagte ich mir: "Cut". Nun kommt Japan an die Reihe. Ich überlegte mir eine Geschichte über das Kino an sich, und um ehrlich zu sein, hätte ich diese Story auch in New York drehen können.