• vom 27.01.2012, 18:52 Uhr

Film

Update: 15.01.2014, 10:33 Uhr

Hollywood

Wie man einen Oscar gewinnt




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Von Matthias Greuling und Alexandra Zawia

  • Wie Independent-Erfolge geplant werden
  • Von Sundance zu den Oscars.
  • Hollywood verdient gut mit dem "Independent"-Kino, das so unabhängig nicht ist

Independent-Kino aus Sundance: "Lay the Favorite" mit Bruce Willis, "Bachelorette" mit Kirsten Dunst, Spike Lees "Red Hook Summer" und "Arbitrage" mit Gere und Sarandon (im Uhrzeigersinn) Fotos:Sundance

Independent-Kino aus Sundance: "Lay the Favorite" mit Bruce Willis, "Bachelorette" mit Kirsten Dunst, Spike Lees "Red Hook Summer" und "Arbitrage" mit Gere und Sarandon (im Uhrzeigersinn) Fotos:Sundance© Sundance Film Festival Independent-Kino aus Sundance: "Lay the Favorite" mit Bruce Willis, "Bachelorette" mit Kirsten Dunst, Spike Lees "Red Hook Summer" und "Arbitrage" mit Gere und Sarandon (im Uhrzeigersinn) Fotos:Sundance© Sundance Film Festival

O Fortuna! Mit Glück hat der Gewinn eines Oscars wenig zu tun. Und auch nicht mit Qualität und Filmkunst. Denn die meisten Filme, die heute unter dem Qualität suggerierenden Label "Independent" erscheinen, haben nichts mehr von dem Geist, der das "New Hollywood" der 60er und 70er Jahre bestimmte: Wirklich unabhängig produzierte Spielfilme gibt es im wahrgenommenen US-Kino nämlich kaum. Stattdessen beherrschen messerscharf kalkulierte Indie-Produktionen diesen Markt, hinter denen keine unabhängigen Produzenten, sondern die großen Studios höchstselbst stecken. Disney, Universal, Warner, Fox und Sony haben sich unter dem Indie-Logo längst ein zweites, lukratives Standbein aufgebaut, das dem Publikum anspruchsvolle Filmkunst verkaufen wil, letztlich aber wie bei vielen Blockbustern nur Meterware anbietet, auch, wenn sie vielleicht ein hübscheres Mascherl trägt.

Das Mascherl zu solchen Filmen sind die zahllosen Auszeichnungen der "Awards Season" - jener Zeit im Jahr, in der auffallend viele Filmplakate mit Lorbeerkränzen und Palmenzweigen geschmückt werden. Vom Preis der Filmkritiker bis zum Preis des Regieverbands, vom Golden Globe bis zum Oscar reichen die Würden - wobei bei letzteren schon die Nominierung als Ehre gilt.


Das Oscar-Rezept
Es ist immer das gleiche Rezept, mit denen die Sub-Divisionen der Studios ihre "Independent"-Ware ausstatten und damit auf einen Oscar-Gewinn spekulieren - denn dafür gibt es klare Regeln, die einzuhalten schon ziemlich sicher zumindest zur Nominierung führt: Ein bisschen Anspruch, am besten in Form eines Dramas, jedoch bitte mit Happy End; das Ganze in gängige, kommerzielle Erzählstrukturen eingebettet, bitte keine Experimente. Ein bisschen Moral, am ehesten in Form von Geschichten über Außenseiter (Obdachlose, Kranke, Schwarze), idealerweise auf einem Bestseller-Roman basierend; inszeniert von namhaften Regisseuren, besetzt mit Superstars, die sich hernach damit brüsten, der Kunst wegen für ein kleines Salär mitgewirkt zu haben. Dazu ein klein gehaltener Kinostart knapp vor Ende des Jahres, damit man noch für die Oscars im Februar in Betracht gezogen werden kann. Eine Ausweitung der Kopien, sobald die Oscarnominierungen im Januar bekannt gegeben wurden. Schöne Einspielergebnisse, die sich im Falle eines Oscar-Gewinns nochmals potenzieren. Auf einen solchen Oscar-Kurs werden viele "Independent"-Filme schon im Planungsstadium eingeschworen.

Bei den diesjährigen Oscar-Nominierungen sind etliche der "Independents" dank solcher Ingredienzien ganz vorne mit dabei: "The Descendants" von Alexander Payne zum Beispiel - ein belangloses Drama mit George Clooney, herausgebracht von Fox Searchlight, der Fox-Division fürs Anspruchskino. Der Film kostete unter 20 Millionen Dollar, spielte aber 60 Millionen ein. Eine schöne Gewinnspanne, die dank der Starbesetzung allerdings leicht zu erreichen war. Bei einem durchschnittlichen Blockbuster, der heute 200 Millionen Dollar und mehr kostet, ist das Risiko für die Studios viel höher: Dieses Geld muss erst einmal eingespielt werden, was gerade in Krisenzeiten alles andere als selbstverständlich ist. Mit ein Grund, warum die großen Studios auch gerne mal kleinere Brötchen backen.

Ebenfalls im Oscar-Rennen: "Extremely Loud & Incredibly Close" mit Tom Hanks, ein 9/11-Drama, von Paramount und Warner produziert. Oder "The Help", produziert von Dreamworks, vertrieben von Disney. Die Geschichte über eine junge weiße Autorin, die in den 60er Jahren ein Buch aus der Sicht schwarzer Hausmädchen schreibt, hat mit dem Thema Rassendiskriminierung und einem Budget von nur 25 Millionen Dollar bereits 170 Millionen eingespielt. Da sage noch einer, mit kalkulierter Filmkunst ließe sich im Falle solcher "Artbuster" kein Geld verdienen.

Ihren Anfang machen solche "Filmkarrieren" nicht selten beim Sundance Film Festival, das als Hochburg des unabhängigen Filmschaffens gilt und am 29. Jänner zu Ende geht. Robert Redford, der das Festival seit 1978 ausrichtet, hatte das Ziel, dem Independent-Kino und jungen Filmemachern mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen - auch in Hollywood. Seither kommen viele Studio-Bosse im Winter nach Park City im US-Bundesstaat Utah, um ihren Schiurlaub mit dem Business zu verbinden. Sundance hat sich zum Mekka der US-Szene entwickelt, doch längst ist auch hier nicht mehr alles so "independent" wie es Redford ursprünglich im Sinn hatte. Mittlerweile nutzen die "Indie"-Sektionen der großen Studios, von Sony Pictures Classics über Focus Features bis zu Paramount Vantage, das Festival als Plattform. Immer mehr entwickelt sich "Independent" vom Kriterium zum Genre, einem Grundrezept für erfolgreiche Off-Side-Produktionen, die vorgeben, nicht Mainstream zu sein, aber auf denselben Erfolg abzielen. Und so ist auch Sundance zu einer Marke geworden, zu einem Label, das für die kommerzielle Auswertung vieler Filme benutzt wird. Es ist eine Art Gütesiegel für Filmkunst, oder zumindest dafür, was die Amerikaner dafür halten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-01-27 15:47:05
Letzte Änderung am 2014-01-15 10:33:15


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