Vielleicht blicken sie einem Preis der Filmfestspiele von Cannes entgegen: Regisseur Markus Schleinzer (l.) und die Schauspieler Michael Fuith (r.) und David Rauchenberger (oben).Foto: epa/Ian Langsdon
Vielleicht blicken sie einem Preis der Filmfestspiele von Cannes entgegen: Regisseur Markus Schleinzer (l.) und die Schauspieler Michael Fuith (r.) und David Rauchenberger (oben).Foto: epa/Ian Langsdon

 Cannes. Wenn sich die Filmfestspiele in Cannes nun dem Ende zuneigen, könnte man meinen, nach neun Tagen Festivalzirkus passiert nicht mehr viel. Doch weit gefehlt, denn das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. Und so herrschte gerade zum Ende hin große Unruhe und Betriebsamkeit an der Croisette.

Zum Beispiel musste ein extra beauftragter Festival-Abgesandter samt Sicherheitsmann eine Autofahrt von rund 40 Minuten antreten, die sie weit weg führte vom Gelände in das Reich von Lars von Trier. Dort nahmen sie dem dänischen Regisseur und Reisen-Hasser, der lieber jede Strecke zu Fuß geht oder zumindest in seinem VW-Bus fährt, bevor er sich in ein Flugzeug setzt, seinen Akkreditierungspass ab und verlasen ihm noch einmal offiziell, dass das Festival ihn auf unbestimmte Zeit ausschließt.

Reine Provokation

Es ist ein Lehrstück darüber, wie weit Provokation in der Öffentlichkeit gehen darf. Dass Lars von Trier bei der Präsentation seines Films "Melancholia" mit seinen Äußerungen über Hitler, die Israelis und Nazi-Ästhetik eine Grenze überschritten hat, ist klar. Ebenso klar ist aber auch, dass er damit seiner immanenten Provokationslust gefolgt ist und Referenzen zum Nationalsozialismus für marktschreierische Zwecke nur nutzen kann, weil die Reaktionen darauf nicht frei von Heuchelei sind. Ein für seine antisemitische Überzeugung bekannter Mel Gibson darf hier immerhin über den Roten Teppich schreiten. Trier ist kein Nazi. In keinem seiner Werke zeigt sich irgendeine Affinität zu nationalsozialistischen Ideologien. Aber er ist ein Provokateur.

Es war aber nicht nur der Däne Trier, der hier am Ende viel Aufmerksamkeit bekam: Mit seinem Beitrag "Drive" begeisterte der ebenfalls dänische Regisseur Nicolas Winding Refn in einem Wettbewerb, der geprägt ist von Kinder- und Jugendtraumata und übergroßen Lebensthemen. Refn inszeniert virtuos den blutgetränkten Weg, der sich durch das Leben eines lakonischen Stuntfahrers (exzellent: Ryan Gosling) zieht. "Drive" fehlt es nie an Witz, echter Romantik und bizarrer Glaubwürdigkeit.

Kurz vor der Preisverleihung Sonntag Abend hatte der Wettbewerb in Cannes nocheinmal Fahrt in eine etwas andere Richtung genommen. Dominierten in der ersten Woche Themen wie die Entstehung, Auswirkung und Bekämpfung von Gewalt im Kinder- und Jugendalter, wurde die Bandbreite allmählich größer: Als Favorit tat sich, neben Terrence Malick und den Brüdern Dardennes, der finnische Regisseur Aki Kaurismäki hervor, der mit seinem humanistischen Integrationsmärchen "Le Havre" Mut zur Gutheit lehrt und ein würdiger Gewinner der Goldenen Palme wäre.