Cannes. Der arme Hund hat endlich auch einmal gewonnen. Obwohl, genau genommen ist Laika, die wiederkehrende, carnivorische und stetige Nebendarstellerin in Aki Kaurismäkis Filmen, gar nicht zu bedauern. Sie wird am Set - vertrauensvollen Insiderberichten zufolge - immer gut behandelt, und beim diesjährigen Filmfestival von Cannes fand sie für ihre (wie immer perfekt umgesetzte) Rolle als Hund in Kaurismäkis Wettbewerbsbeitrag "Le Havre" zu verdienten Ehren: Die "Palm Dog" Jury (sic!) bedachte sie mit einer lobenden Erwähnung. Porträt Terrence Malick

Ihr Herrchen dagegen bekam für sein von den Kritikern favorisiertes, humanistisch-humoriges Integrationsmärchen über einen alten Schriftsteller, der durch ein Flüchtlingskind zu ungeahnten Kräften findet, zwar den Fipresci-Preis der internationalen Filmkritik, aber nicht die längst überfällige Goldenen Palme.

Die ging an Terrence Malick, für "The Tree Of Life", eine überwältigend inszenierte Entstehungsgeschichte allen Seins. Anhand der Chronik einer Familie im Vorstadt-Amerika der 1950er-Jahre, die den Tod eines der drei Söhne verwinden will, verwandelt Malick hier kollektive Kindheits-Erinnerungen und Jugend-Traumata in ein philosophisches Epos über Liebe, Leid und Vergebung, voll intensiver, assoziativer Bilder, getragen von einem Klassik score. Nicht an jeder Stelle ist "The Tree of Life" gelungen, aber er ist durchwegs grandios.

Eine kleine Ironie jedenfalls schwebte über der Preisverleihung; denn Terrence Malick - offiziell als "menschenscheu" entschuldigt - erschien nicht persönlich, um die Goldene Palme persönlich entgegenzunehmen. Eine freiwillige "persona non grata", sozusagen. Anders als Lars von Trier, der aufgrund seiner Nazi-Witze, die er im Zuge einer Pressekonferenz aus Provokationslust gemacht hatte, der Zeremonie nicht mehr beiwohnen durfte, obwohl seine "Melancholia"-Hauptdarstellerin Kirsten Dunst den Preis als beste Schauspielerin verliehen bekam.

Preis für Markovics

Beinahe zynisch wirkt hier einmal mehr die Tatsache, dass der serbische Regisseur Emir Kusturica, umstritten als Apologet der Kriegsverbrecher Karadiæ und Miloeviæ, im Rahmen des Festivals heuer den französischen Ritterorden der Ehrenlegion erhielt oder der öffentlich als antisemitisch geoutete Mel Gibson über den Roten Teppich hofiert wurde.

Die Jury unter dem Vorsitz von Robert de Niro und den Mitgliedern Uma Thurman und Jude Law war dieses Jahr von starken Schauspielern geprägt, denen durch Michael Hazanavicius originellen Wettbewerbsbeitrag "The Artist" die Geschichte Hollywoods neu erzählt wurde - was ihnen die Auszeichnung von Jean Dujardin als bester Hauptdarsteller wert war. Michael Fuith, favorisiert für seine Rolle in Markus Schleinzers Film "Michael", ging leer aus. Doch zumindest Karl Markovics wurde für sein Debüt "Atmen" mit dem "Label Europa Cinema"-Preis ausgezeichnet, der Kinobetreiber unterstützt.

Der Große Preis der Jury dieses Festivals ging verdient an Nuri Bilgan Ceylan, der mit "Once Upon A Time in Anatolia" das Märchen einer Tatort-Findung und damit eine exzellent-lakonische Geschichte von Betrug und Vertrauen erzählt. Doch Ceylan muss sich den Preis mit den zweifachen Palmengewinnern Jean-Pierre und Luc Dardenne für ihre berührende Kindheitschronologie "The Kid With A Bike" teilen.

Kinder und Autos

Kinder waren generell ein großes Thema dieses Wettbewerbs, doch es ist vor allem ein Zugeständnis an die französische Kinopolitik, dass Maiwenn Le Besco für ihr doku-fiktionales Porträt der Pariser "CPU" (Child Protection Unit) den Preis der Jury erhielt.

Viel mehr Drive hatte Nicolas Winding Refns so betitelter Film, für den er am Sonntag als bester Regisseur ausgezeichnet wurde. In sarkastischen Bildern inszeniert er dieses raue Roadmovie über einen Stunt-Rennfahrer (Ryan Gosling), in Gedanken ganz bei den Trash-Action-Filmen der 80er-Jahre. Hund kommt hier zwar keiner vor, aber carnivorisch zu sein, schadet beim Ansehen nicht.