"Ihr Name beginnt mit einer Zärtlichkeit und endet mit einem Peitschenschlag", bemerkte Jean Cocteau 1954 in einer Laudatio auf Marlene Dietrich. Diese große Gegensätzlichkeit, die sich bereits im Klang ihres Namens andeutet, diese explosive Mischung aus melancholischen Blicken und kaltem Kalkül, hintergründiger Grazie und erstaunlicher Offenheit, ungenierter Provokation und gut kaschierter Verletzlichkeit ist es auch, was ihre Leinwandpersönlichkeit so unverwechselbar macht. Der aus Wien gebürtige Regisseur Josef von Sternberg war es, der diese Persönlichkeit formte und modellierte, ihr Kontur und Profil verlieh. In den sieben Filmen, die er gemeinsam mit der Dietrich drehte, vom viel zitierten "Blonden Engel" (1930) bis hin zu "The Devil is a Woman" (1935), inszenierte er sie als geheimnisvolle Abenteurerin und Verführerin, die mit ungerührter Miene eine Spur der Verwüstung durch männliche Seelenlandschaften zieht, am Ende aber nicht selten mit leeren Händen dasteht, als Verlassene und Verlorene, die einer ungewissen Zukunft entgegenblickt.

Über die Beziehung des Meisters zu seiner Muse wurde viel gerätselt und spekuliert; feststeht jedenfalls, dass Josef von Sternberg, einer der großen Licht- und Schattenmagier der Kinogeschichte und zum Zeitpunkt ihrer ersten Zusammenarbeit in Hollywood längst eine anerkannte Größe, mit der jungen, noch wenig bekannten Berliner Schauspielerin ein weibliches Vis-à-vis gefunden hatte, das seinen Visionen entsprach und sich bedingungslos von ihm leiten ließ. "Der Charakterzug, der ihn an mir interessierte", schrieb sie später in ihrer Autobiographie, "war die Tatsache, daß ich ein ,disziplinierter‘ Mensch war. Nicht meine Schönheit oder Anziehungskraft faszinierte ihn, sondern die eigenartige, ihm bei Schauspielerinnen fast unbekannte Fähigkeit zur Disziplin zog ihn zu mir hin. Er fürchtete den Tag, an dem ich vielleicht ein Star werden würde oder eine von ihrem eigenen Bild faszinierte Frau (. . .)".

Das freilich ließ sich nicht lange vermeiden. Die 1901 in Berlin geborene Tochter eines preußischen Polizeileutnants fand rasch Anklang beim amerikanischen Publikum; ihr erster Hollywoodfilm, "Morocco" kam noch vor der englischen Fassung des "Blauen Engels" in die US-Kinos und wurde ein großer Erfolg.

Antwort auf Greta Garbo

Die Verantwortlichen bei Paramount, jenem Studio, das sie unter Vertrag genommen hatte, sahen in ihr eine ideale Antwort auf den MGM-Star Greta Garbo und verpassten ihr in weiterer Folge ein dementsprechendes Image.

Nahezu alle Filmstoffe, die das Studio ihr anvertraute, spielten in der Alten Welt oder in fernen Zonen, und dennoch gelang es Marlene Dietrich, die mit dem Machtantritt Hitlers heimatlos geworden war, alsbald in der amerikanischen Realität Fuß zu fassen und in der amerikanischen Populärkultur heimisch zu werden.

Es mangelte jahrelang nicht an Versuchen, sie nach Deutschland zurückzuholen und vor den Propagandakarren der neuen Machthaber zu spannen, sie aber ließ sich dadurch keine Sekunde beirren, entschied sich nun erst recht für den Verbleib in den USA und zögerte nach Eintritt ihrer zweiten Heimat in den Zweiten Weltkrieg auch nicht, das Ihre zu tun. Sie half nicht nur zahlreichen Flüchtlingen, sondern war auch als Truppenbetreuerin unermüdlich aktiv, nicht selten an vorderster Front, um den Soldaten moralisch den Rücken zu stärken und in ihnen die Erinnerung an ein ziviles Leben wachzuhalten.

Das ABC ihres Lebens

"Wer nicht im Krieg war, soll nicht darüber sprechen", heißt es in dem Buch "Das ABC meines Lebens" (dtv), einer Sammlung von Aphorismen und Maximen, Kürzestporträts und Erinnerungssplittern, mit der Marlene Dietrich 1962 als Buchautorin debütierte und das seit wenigen Tagen wieder im deutschsprachigen Handel zu haben ist. Blättert man darin, so wird man sich rasch davon überzeugen, dass die Diva keineswegs nur "von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" war, sondern sich auch in der Welt der Literatur zu bewegen wusste und es verstand, prägnant und poetisch zu formulieren. Marlene Dietrich, eigentlich Marie Magdalene, starb 1992 in Paris.