Für Filmregisseur Olivier Assayas ist Fiktion mindestens so real wie die Realität. - © Newald
Für Filmregisseur Olivier Assayas ist Fiktion mindestens so real wie die Realität. - © Newald

Wien. Im Werk von Olivier Assayas gibt es scheinbar viele Gegensätze, denen man von 11. Mai bis 17. Juni im Österreichischen Filmmuseum in einer Retrospektive seines Gesamtwerks nachspüren kann: Der 1955 in Paris geborene Regisseur, der in den 80er Jahren als Filmkritiker bei den "Cahiers du cinéma" begann, hat mit Filmen wie "Désordre" (1986), "Irma Vep" (1996), "Les destinées sentimentales" (2000), "demonlover" (2002), "Clean" (2004) oder "Carlos" (2010) formal wie inhaltlich höchst unterschiedliche Geschichten vorgetragen. Assayas, der ab Samstag seiner Retrospektive im Filmmuseum beiwohnen wird und für Publikumsgespräche zur Verfügung steht, sprach im Vorfeld mit der "Wiener Zeitung" über den Zugang zu seinem Werk.

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"Wiener Zeitung": Monsieur Assayas, das Österreichische Filmmuseum widmet Ihnen eine Gesamtwerkschau. Wenn Sie den Bogen von Ihrem Erstlingsfilm "Desordre" bis zu ihrem Bio-Pic "Carlos" spannen, auf welche Summe kommen Sie da?

Olivier Assayas: Man macht Filme nacheinander, daher gibt es kein Gesamtkonzept. Selbstverständlich ist der erste eigene Spielfilm immer etwas Besonderes, und oft ist darin schon die Idee eines Regisseurs vorhanden, die er später immer weiter verbessert. Von vielen Regisseuren sagt man ja, sie machen im Prinzip immer den gleichen Film. Das ist auch gut, solange jedes Mal der Blickwinkel verändert wird. Mir ging es immer darum, die Welt zu erforschen und immer unterschiedliche Blickwinkel darauf einzunehmen. Aber am Ende ist das Filmemachen eine Reise ins Ungewisse: Man beginnt auf einer Straße, von der man nicht weiß, wohin sie führt.

Sie begannen Ihre Karriere als Filmkritiker bei den renommierten "Cahiers du cinéma" in Paris. Wie hat sich Ihr Blick auf das Kino verändert, als Sie selbst auf den Regiestuhl wechselten?

Ich wollte immer schon Filme machen, der Job als Kritiker war für mich ein Stück Weg dorthin. Das war meine Filmschule, denn ich bin nie auf einer gewesen. Ich hatte Literatur und Malerei studiert. Die Theorie und die Geografie des Kinos lernte ich als Kritiker. Zu jener Zeit arbeitete ich auch schon als Drehbuchautor, etwa für André Téchiné, denn allein vom Filmkritiker-Dasein bei den "Cahiers du cinéma" kann man ja nicht leben.