Liebe? Paradies? Oder gar beides? Teresa (Margarethe Tiesel) sucht als Sextouristin in Afrika das Glück.
Liebe? Paradies? Oder gar beides? Teresa (Margarethe Tiesel) sucht als Sextouristin in Afrika das Glück.

Eine Rückkehr mit "Liebe" hat Filmregisseur Ulrich Seidl am kommenden Freitag in Cannes vor sich: Nachdem er bereits 2007 mit seinem Film "Import Export" im Wettbewerb der Filmfestspiele an der Côte d’Azur vertreten war, wird er mit seiner neuen Arbeit "Paradies: Liebe" heuer von 16. bis 27. Mai unter anderem mit Hanekes "Amour" um die Goldene Palme konkurrieren.

Parallel dazu bereitet er gerade auch für die Wiener Festwochen eine Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen vor: "Böse Buben/Fiese Männer" nach einem Buch von David Foster Wallace, "Kurze Interviews mit fiesen Männern", die zwischen 5. und 11. Juni zur Aufführung kommt. Ein Buch, das auch zu Seidls eigener Beschreibung seiner Sextouristinnen-Saga "Liebe" passt, über "Ausgebeutete, die andere Ausgebeutete ausbeuten". Mehr als sieben Jahre lang arbeitete er an der "Paradies"-Trilogie, über "drei Frauen auf der Suche nach Erfüllung". In "Liebe" begibt sich Teresa (Margarethe Tiesel) dazu auf Sextourismus nach Kenia. In "Glaube", zieht Teresas Schwester Anna Maria (Maria Hofstätter) missionierend von Haus zu Haus; und in "Hoffnung" verliebt sich Teresas übergewichtige Tochter Melanie in den Arzt eines Diätcamps.

"Wiener Zeitung": Was sucht Teresa im Film "Liebe"?

Ulrich Seidl: Sie ist eine Frau, die von all den Männern enttäuscht ist. Eine alleinerziehende Mutter in einem Alter, in dem sie nicht mehr die Attraktivität besitzt, um einfach an ihren Traummann zu kommen. Sie ist auf der Suche nach der Erfüllung ihrer Sehnsucht, nach den Verheißungen, die das Wort "Paradies" mit sich bringt. Sie geht nach Afrika, um dort das Glück zu finden, was gerade angesichts von Afrikas Geschichte, seiner Zerrissenheit und der aufgeladenen gesellschaftlichen Zustände dort ein Paradoxon ist. Dennoch ist das Land von unglaublicher Schönheit. Der Tourismus dort, auch der Sextourismus natürlich, ist nichts anderes als moderne Kolonialisierung.

Ursprünglich war "Paradies" als ein Film geplant?

Stimmt, aber das Drehbuch, das als Episoden-Geschichte dreier Frauen gedacht war, entwickelte sich immer mehr, je länger wir daran arbeiteten. Am Ende hatte ich 80 Stunden Filmmaterial gedreht. Im Schneideraum entstand dann die Idee, daraus drei eigenständige Filme zu machen, die aber dennoch zusammenhängen.

Auch die Frauen in "Glaube" und "Hoffnung" wollen das Glück finden, aber auf andere Weise . . .

Teresas Tochter ist noch unschuldig, aber auch schon "gehandicapped" im Sinne, dass sie übergewichtig ist. Sie verliebt sich immer mit der Angst, vielleicht sei sie ihm zu dick. Die dritte Frau ist ganz anders gelagert, sie glaubt gar nicht mehr an die irdische Liebe sondern befriedigt ihre Sehnsüchte in den himmlischen Gefilden.

"Gehandicapped" - meint das, den Figuren gelingt es nicht, "normal" zu sein?

So würde ich das nicht sagen. Andererseits: Jeder normale Mensch ist gehandicapped. Niemand ist perfekt, jeder hat letztendlich ein äußeres oder inneres Gebrechen. Insofern geht es immer um uns alle.

Sind es die Gebrechen, die Sie an einer Figur interessieren?

Beginnend mit dem Filmemachen habe ich mich immer für Außenseiter interessiert, aber schon mit "Der Ball" zum Beispiel habe ich dann mein Milieu, meine Heimatstadt, meine Jugend verarbeitet. Ich bin nicht immer in eine andere Welt getaucht. Meine Jugend war ja auch ein Außenseitertum, für mich. Generell kann ich sagen, meine Filme handeln von den essenziellen Dingen des Lebens: von der Liebe, von der Einsamkeit, von der Vergänglichkeit, vom Tod, von Sexualität und Machtverhältnissen.

Margarethe Tiesel spielt Teresa mit unglaublicher Präsenz und Nonchalance.

Wir haben für diese Rolle fast ein Jahr lang gecastet. Es war sehr wichtig, dass die Darstellerin nicht nur das richtige Alter und die richtige Figur hat, sondern auch vor der Kamera Szenen improvisieren kann und dabei authentisch ist. Margarethe Tiesel ist ein Glücksfall.

Wenn Sie von "richtiger" Figur, "richtigem Alter" etc. sprechen, wie weit weg sind Sie da von Klischees?

Ich denke nicht an Klischees. In diesem Fall zeige ich eine Frau beim Sextourismus, von dem wir alle wissen, dass es ihn weltweit gibt. Trotzdem stellen diese "Sugar Mamas" einen geringen Prozentsatz. Der Terminus "Sextourismus" ist etwas abgeschmackt, aber diesen Weg gehe ich ja nicht. Die Maria Hofstätter in "Glaube" ist ebenfalls eine Figur, die man "kennt", obwohl man sie nie wirklich getroffen hat, diese strenge, bigotte, missionarische Person.

Sie selbst scheinen Ihre Figuren immer sehr gut zu kennen.

Ich beschäftige mich mit den Menschen, die in meinen Filmen vorkommen, immer lange Zeit im Vorhinein. Da wird ein starkes Vertrauensverhältnis aufgebaut. Vor 20 Jahren wurde mir oft der Vorwurf der Sozialpornografie gemacht, aber das kommt ja nur von Leuten, die selbst Vorurteile haben. Nur durch Respekt vor und echtem Interesse an meinen Protagonisten - oder auch der fiktiven Charaktere - sind besonders intime Szenen möglich.