Cannes. Marilyn Monroe hat man noch rechtzeitig die Falten im Gesicht gestrafft. Die überdimensionale Plane, auf der ihr Konterfei als diesjähriges Cannes-Plakat prangt, wurde penibel am Palais des Festivals festgezurrt, damit sich Cannes von seiner besten Seite zeigen kann.

Vorbericht aus Cannes von Matthias Greuling

Die Monroe starb heuer vor 50 Jahren. Das Jubiläum nahm man in Cannes zum Anlass, sie zur Ikone des Festivals zu machen. So, wie Marilyn auf dem Foto verführerisch die Kerze auf dem Geburtstagskuchen ausbläst, stellt sich Cannes die Mythen- und Ikonenbildung vor: "Das Festival ist ein Tempel des Glamour, und Marilyn ist seine perfekte Inkarnation." Mit stolzen 65 Jahren ist das Festival in Cannes nur vier Jahre jünger als das älteste Filmfestival der Welt in Venedig.

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Filme über die Liebe

Jubiläen sind in diesem Jahr an der Croisette ohnehin nicht rar gesät. Michael Haneke zum Beispiel wurde diesen März 70 Jahre alt. Das ist freilich nicht der primäre Grund, weshalb sein neuer Film "Amour" hier im Wettbewerb läuft. Vielmehr wurden sämtliche Kinoarbeiten Hanekes in Cannes gezeigt, seit "Funny Games" vor 15 Jahren (Jubiläum!) übrigens alle im Wettbewerb.

Überdies ist "Amour" zuallererst ein französischer Film: Isabelle Huppert ist in ihrer mittlerweile dritten Zusammenarbeit mit Haneke zwar nur in einer kleinen Rolle zu sehen, aber der Regisseur konnte einen Akteur vor die Kamera locken, der sich eigentlich schon lange vom Rampenlicht verabschiedet hatte: Frankreichs Schauspiel-Legende Jean-Louis Trintignant tritt mit 81 nach acht Jahren Film-Absenz nochmals auf - in der Hauptrolle. Er und Emmanuelle Riva spielen ein betagtes, bürgerliches Ehepaar, das mit den Tücken des Alters zurechtkommen muss.

Die Premiere von "Amour" findet am kommenden Sonntag statt, zum besten Präsentationstermin des Festivals. Das ist nicht unbedingt ein Hinweis auf einen potenziellen Preis, zumal mit Nanni Moretti als Jurypräsident vor allem Haneke ein Problem haben dürfte: Moretti soll 1997 in derselben Funktion einen Preis für "Funny Games" verhindert haben.

Aber Cannes mag das österreichische Kino. Haneke gewann hier 2009 mit dem auf Deutsch gedrehten "Das weiße Band" die Goldene Palme; Jessica Hausner, Virgil Widrich, Ruth Mader, Hubert Sauper oder Ulrich Seidl waren in den vergangenen zehn Jahren vertreten. Mit Seidls "Paradies: Liebe" ist nun zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals sogar noch ein zweiter österreichischer Film im selben Jahr im Wettbewerb vertreten.

Mammut-Projekt

Seidl, der bereits 2007 mit "Import Export" für die Goldene Palme nominiert war, bringt sein Mammut-Projekt, die "Paradies"-Trilogie, auf drei Festivals zur Uraufführung: "Paradies: Liebe" feiert am Freitag in Cannes Premiere. "Paradies: Glaube" und "Paradies: Hoffnung" werden vermutlich im September in Venedig bzw. im Februar in Berlin erstmals gezeigt werden.

Mehr als 80 Stunden Filmmaterial hatte Seidl in einem Zeitraum von sieben Jahren für die drei Spielfilme rund um drei Frauen gedreht, die allesamt auf der Suche nach Liebe sind. Die Aufgliederung in drei Teile war "irgendwann logisch", sagt er heute, obwohl er nach wie vor der Idee anhängt, "alle drei Teile an einem Ort zur Aufführung zu bringen". Für "Paradies: Liebe" war er mit Hauptdarstellerin Margarete Tiesel mehrmals nach Afrika gereist, um sie als sogenannte Sugar-Mama auf der Suche nach einem Mann zu porträtieren.

Ob das Thema Liebe auch bei den Arbeiten der Regisseure anderer Länder vorherrscht, wird sich zeigen - auf alle Fälle hat sich ihr auch Wes Anderson mit "Moonrise Kingdom" gewidmet: Der Wettbewerbsbeitrag, der am Mittwoch die Filmfestspiele in Cannes eröffnet, handelt von einem 12-jährigen Pfadfinder, der in der 14-jährigen Tochter einer dysfunktionalen Familie die große Liebe seines (noch kurzen) Lebens findet. Er flieht mit ihr in die Wildnis, um nach ihren eigenen Regeln zu leben.

Ein verspielter Film mit Edward Norton, Bruce Willis und Tilda Swinton als gut gelaunte Star-Besetzung und würdige Entourage am roten Teppich.