Ein Bub im Keller, viele junge Mädchen im Bordell, ein Junge auf dem Fahrrad, die Kindheit im Universum von Tod, Leid und Liebe - im bisherigen Wettbewerbsprogramm in Cannes dominieren traumatische Erfahrungen der Jugend. Es war vor allem der österreichische Wettbewerbsbeitrag "Michael", der Erstlingsfilm von Michael Schleinzer, der nach seiner Premiere am Samstag die Gemüter erhitzte.

Michael, das ist ein zirka 35 Jahre alter Durchschnittsmensch (sehr gut: Michael Fuith), der einen Buben im Keller hält. In nüchterner Außenperspektive dokumentiert Schleinzer den Alltag beider und skizziert das undenkbare Verhältnis der beiden Figuren zueinander. In Form, Farbe, Stimmung und Duktus zeigen sich Parallelen zu frühen Arbeiten Michael Hanekes, für den Schleinzer bereits lange als Caster arbeitet. Verbrechen inmitten engster Lebensumgebung, mit nüchterner Präzision in streng kadrierten Bildern umgesetzt, erzeugen hier Beklemmung, aber lassen die Thematik des Films dennoch problematisch unkommentiert. Ein Umstand, an dem sich ein großer Teil des Publikums stößt und darauf bei der Premiere zwar sowohl mit langem Applaus als auch mit Buh-Rufen reagierte. Natürlich sei er durch die Medienberichterstattung um den Fall Kampusch oder Fritzl sensibilisiert gewesen, sagt Schleinzer über die Verbindung von "Keller"-Geschichten und Österreich. "Aber so Länder- und Sozialschichten ungebunden dieses Thema ist, so sehr will ich auch, dass sich jeder seine Wahrheit selber sucht."

Piratenbräute und missbrauchte Kinder

Einer echten Herausforderung stehen die jungen Frauen in Bertrand Bonellos "LAppolonide" gegenüber, die anno 1899 jeden Tag im Titel gebenden Bordell eine Reihe lüsterner Männer zu versorgen haben. Wunderbar fotografiert, hat der Film regelrecht sensuellen Wert, kann aber nie die meta-mystische Ebene kreieren, die er sehr angestrengt versucht, zu erreichen.

Mühelos dagegen beweisen die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne in ihrem Beitrag "The Kid On A Bike" ihre Routine. Die Geschichte um einen Jungen, dessen größtes Ziel es ist, sich seinem entfremdeten Vater wieder anzunähern. Emotional, aber nie kitschig gelingt den Dardennes hiermit einer der schönsten Filme über Kindheit. Wenn auch nicht das stärkste Werk ihrer Karriere, ist "Der Junge auf dem Fahrrad" dennoch ein wichtiges Stück humanistischen Kinos.

Große Bedeutung jedenfalls hat der Wettbewerbsbeitrag "Tree Of Life". Es ist die lang erwartete Arbeit von Terrence Malick, kein Film im herkömmlichen Sinn, eher ein beinahe unbeschreibbares, teils metaphysisches Bild-mit-Ton-Gedicht über Leben, Tod, Natur und Menschsein.

Ohne Baumeister, aber mit Verkäufer

Er erzählt - durchwegs von der immensen visuellen Ebene abgeleitet - die Geschichte einer Familie, die früh mit dem Tod eines der drei Söhne zurechtkommen muss. Die Themen Verlust, Tod, Schmerz und Leid führt Malick gleich im Intro ein - und dieses gilt es zu überstehen: in einem Mix zwischen "Jurassic Park" und "Universum" sind hier wundervolle, aber über die Maßen symbolische Bilder untermalt von Opernarien, die Metapher für das Wunder Leben. Von da an wechselt der Film die Zeitebenen, springt zwischen dem Jetzt, in dem sich einer der nun erwachsenen Söhne (Sean Penn) zurückerinnert und dem Damals, in dem die Kinder mit dem autoritären Vater (Brad Pitt) und der liebevollen Mutter (Jessica Chastain) Leben lernen.

Nicht weniger als exzellent inszeniert Malick diesen Alltag, der geprägt ist von Konflikten, Identitätssuche, Abnabelung und Einordnung: Die Kamera immer in eleganter Bewegung, fängt er subtil und poetisch die kleinsten Momente einer Kindheit ein, die universell assoziierbar und kollektiv abrufbar ist; Bilder, die sich unbewusst in eine Erinnerung geschlichen haben und für immer prägen können, die scheinbar leisesten Gefühlsregungen, Blicke, Gesten, Düfte. "The Tree of Life" ist der "Film des Lebens", den wir alle schon lange nicht mehr genau angesehen haben.

Dossier: Filmfestspiele in Cannes