Zeit für heldenhafte Zärtlichkeit: Gwen Stacy (Emma Stone) ist nun Spidermans (Andrew Garfield) Angebetete. - © Sony Pictures
Zeit für heldenhafte Zärtlichkeit: Gwen Stacy (Emma Stone) ist nun Spidermans (Andrew Garfield) Angebetete. - © Sony Pictures

Prequels, Sequels, Spin-Offs - es herrscht fröhlicher Wildwuchs im Franchise-Garten, wenn es um einmal ertragreiche Blockbuster geht, und da war auch "Spiderman" keine Ausnahme. Doch nach dem dritten Teil unter der Regie von Sam Raimi nannte die Produktionsfirma Sony das Ganze 2007 kurzerhand Trilogie und entschied sich - anstatt einen vierten Teil in Auftrag zu geben - für eine völlige Neubesetzung.

Nun bringt man mit "The Amazing Spiderman" die Geschichte einfach noch einmal von vorne. Ein sogenanntes Reboot also. Schrecklich klingt das in der Theorie, doch Regisseur Marc Webb besinnt sich auf die Charakter-Essenz der Comic-Vorlage und hat in Andrew Garfield die bessere Besetzung gefunden, als es Tobey Maguire in den bisherigen Filmen war. Garfield spielt den pubertierenden Peter Parker, der auf ungeklärte Weise seine Eltern verlor und bei seinem Onkel und seiner Tante aufwächst, nicht mehr so sehr als verkappten Schüchti, sondern als einen intelligenten Halbstarken, der sehr wohl um den Coolness-Faktor Spinnenbiss weiß. Diesen erleidet er bekanntlich beim Besuch eines Genlabors, geleitet von Dr. Curt Connors (hier: Rhys Ifans), der Peters Eltern kannte.

Zwischen Unsicherheit
und Selbstbewusstsein


Obwohl Webb ein paar Veränderungen vornimmt - zum Beispiel nun die Figur Gwen Stacy (Emma Stone) und nicht mehr Mary Jane Watson Peters Auserkorene sein lässt - und sogar einen neuen Bösewicht einführt, bleibt er der Comic-Vorlage in ihrer archetypischen "Teenage-Misfits"-Stimmung treu, in der Peters nunmehrige Superkräfte und die daraus resultierenden Moral-Fragen Ausdruck für die Veränderungen sind, die ein Heranwachsender durchmacht. Garfield balanciert die Figur smart zwischen Unsicherheit und Selbstbewusstsein, unterschwelliger Aggression und Sympathie - und auch Emma Stone ist eine Idealbesetzung für Webbs realistische Inszenierung einer unbeholfenen Romanze. (Es ist zudem bestimmt nicht hinderlich, dass Garfield und Stone auch im echten Leben ein Paar sind.)

Gerade im Pool sogenannter "DNA-Filme", zu denen auch der bald startende "Prometheus", Ridley Scotts als "Alien"-Prequel angedachtes Spektakel, zählt, nimmt sich "The Amazing Spiderman" angenehm unprätentiös aus. Was soll man auch ein Meta-Level vortäuschen, wo keiner ist? Webb, der zuvor nur einen Film, nämlich die erfolgreiche Indie-Komödie "500 Days of Summer" gemacht hatte, war dennoch eine riskante Wahl, um an die perfekt kühl-kühne Comicbook-Optic eines Sam Raimi anzuschließen. Webb wagt sich zwar an einige, durchaus gelungene Action-Sequenzen, rollt die Geschichte aber vorwiegend über die Figuren auf, weil er sich dort merklich sicherer fühlt. Peters emotionales Coming of Age ist präzise gezeichnet, auch wenn die Ausführung manchmal etwas forciert wirkt. Trotzdem funktioniert "The Amazing Spiderman" visuell und dramaturgisch zwischen den Kanalrohren der Unterwelt und der Hölle im High-Tech-Gen-Labor. Nicht immer über die Maßen inspiriert, aber auf hochglänzenden Neustart poliert.

Comicverfilmung

The Amazing Spiderman, USA 2012

Regie: Marc Webb

Mit Andrew Garfield, Emma Stone, Rhys Ifans, Martin Sheen, Sally Field