Choreografierte Schießwütigkeit bei Takeshi Kitano. - © Warner Bros
Choreografierte Schießwütigkeit bei Takeshi Kitano. - © Warner Bros

Sonne, Liebe, Religion und Revolution scheinen in Hinblick auf die bisherigen Wettbewerbsbeiträge in Venedig einen gemeinsamen Reim zu bilden. Hatte zuletzt Terrence Malicks "To The Wonder" zumindest drei dieser Motive in einem Film vereint, erzählt der Franzose Olivier Assayas in seinem "Après mai" von jugendlicher Naivität als Triebfeder einer Revolution und ist damit neuer Favorit im Wettbewerb um den Goldenen Löwen. In stimmungsvollen, teils sonnendurchtränkten Bildern, verwebt der 57-Jährige dabei auch autobiographische Erinnerungen an eine Jugend Anfang der 1970er-Jahre, als die junge Generation gegen die bestehenden politischen und sozialen Systeme rebellierte.

Sehr deutlich will er dabei skizzenhafte Formeln vermeiden, die "Revolutions"-Filmen gerne anhaften. Zum einen gelingt ihm das durch seine konsequente Weigerung, die Idee vom Widerstand zu verklären; vielmehr ist ihm die Naivität, die Unreife seiner Protagonisten der Motor, der diese Revolution möglich – und auch legitim – macht. Im Mittelpunkt steht der junge Gilles, der sich politisch engagiert, gleichzeitig aber seine eigenen Ziele als Künstler verfolgen will. Er reist durch Europa, setzt sich für die Rechte von Arbeitern ein, kämpft gegen Ungerechtigkeiten. In ruhigen Bildern von angeregten Diskussionsrunden, aufgeregten Demonstrationen und Protestaktionen fängt Assayas die Stimmung einer Generation ein und entwirft ganz zurückhaltend, aber dennoch voller Einsicht eine profunde Entwicklungschronologie, an deren vorläufigem Ende das Erwachsen-Sein steht, und der Sieg des Alltags über die Lust an der Revolution.

"Heutige Filme über das Heranwachsen sind oft heiter und fröhlich", sagte Assayas in Venedig. "Wenn ich aber an meine Jugend denke, denke ich eher an Melancholie. (...) Ich erinnere mich an eine ernste Zeit, eine traurige Zeit."

Assayas, der sich mit der (Adaption der) prämierten Fernseh-Serie "Carlos - Der Schakal" um den bekannten Terroristen einen Namen machte, ist mit "Après mai" zum ersten Mal im venezianischen Wettbewerb vertreten, ganz im Gegensatz zu Takeshi Kitano, dessen Wettbewerbsbeitrag "Outrage Beyond" das Sequel zu seinem "Outrage" darstellt, der vor zwei Jahren ebenfalls im Venedig-Wettbewerb lief. Davor hatte Kitano - der Erfinder der legendären TV-Show "Takeshis Castle" und unter dem Namen Beat Takeshi ein absoluter Superstar in Japan – für sein Drama "Hana-Bi" 1997 bereits den Goldenen Löwen gewonnen und wurde für "Zatoichi" mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet.

Nun also ist er zurück, und der body count geht weiter: In seinem visuell rigoros kontrollierten "Outrage Beyond" versammeln sich die wenigen Überlebenden aus "Outrage" wieder, um einen neuen und ebenso labyrinthisch angelegten Krieg gegen die Yakuza zu führen. Kitano, der japanische Action-Ästhet hat hierbei keine Eile, die Handlung voranzutreiben. Der gesamte erste Teil der Films ist ein schier endloser Multi-log aller Involvierten, allen voran Killer-Maschine Otomo (Kitano selbst). Wer hier wem nach dem Leben trachtet, jemandem fünf Kugeln in den Kopf jagt oder sich den eigenen Finger abbeißt, bleibt also erst einmal eher undurchschaubar. Als dann aber die erwartete Gewalt über den Film hereinbricht, fällt sie diesmal zwar bei weitem weniger blutig aus, ist aber umso sorgfältiger und wunderschön choreografiert.  Kitano fällt damit freilich aus dem inoffiziellen Siegerkonzept: Seine kühlen Bilder weisen keine Sonne auf, Liebe hat die Schauplätze seiner dubiosen Helden ohnehin längst verlassen und im streng hierarchischen Gangster-Japan ist Revolution selbstverständlich fehl am Platz. Gewalt als Religion könnte hier als Tagline durchgehen. Aber selbst davon ist Kitano in diesem Film etwas abgekehrt.