Berlin. Anerkennende Worte für Ulrich Seidls Film findet die katholische Zeitschrift "film-dienst": Seidl gelinge "in eindringlichen, oft verstörenden, mitunter schockierenden Bildern eine filmische Reflexion über das zentrale Gebot des christlichen Glaubens, das Gottes- und Nächstenliebe als zwei Seiten einer Medaille fasst, die zusammengehören." Zur Anzeige wegen Blasphemie vermerkt der "film-dienst": Die Masturbationsszene sei "sicher eine Zumutung". Jedoch gebrauche sie Seidl nicht, um zu provozieren, "sondern vielmehr, um die Glaubenskrise seiner Figur zu visualisieren." Herausgeber der Zeitschrift ist die Katholische Filmkommission für Deutschland.

Wo beginnt die Herabwürdigung von Religion? "Es ist schwierig, eine Grenze zu ziehen", räumt Filmkritiker José García ein, der für die katholische Zeitung "Die Tagespost" schreibt. Es gehe hier um Gefühle, und die seien eben subjektiv. "Es gibt zwei Seiten: Denjenigen, der beleidigt, und den, der sich beleidigt fühlt."

García bringt ein Beispiel abseits des Films: die Folterfotos aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib, die 2006 für Empörung sorgten. Männer, die sich vor Frauen nackt ausziehen mussten, waren dort zu sehen. "Das ist speziell in islamischen Ländern beleidigend." Doch seien sich die US-Soldaten dieser Provokation sicher bewusst gewesen. Das vermutet García, anders als der "film-dienst", auch bei Seidl, dessen Film er noch nicht gesehen hat. Die Verwendung des Kruzifix sei schließlich ein Tabubruch. Das Kreuz sei das zentrale Symbol der Erlösung im Christentum. "Ich glaube nicht, dass Seidl nun aufgrund der Reaktionen überrascht aus allen Wolken fällt."

Entscheidend ist für García: "Religion und religiöse Überzeugungen gehören zur Menschenwürde." Hierfür fehle oft das Bewusstsein, und das betreffe Muslime wie Christen. Tabus, die alle teilen, würden seltener, doch es gebe sie: Leichenschändung etwa oder Verhöhnen von KZ-Opfern.

Wie dick ist die Hornhaut?


Prinzipiell habe er kein besonderes Interesse an religiösen Filmen, sondern mehr an der Thematisierung existenzieller Grundfragen, wie dem Tod, erzählt García. Etwas inkonsequent findet der Journalist, dessen Kritiken auch auf www.textezumfilm.de erscheinen, dass die katholische Filmkritik in früheren Zeiten auf Erotik schärfer reagiert hat, als auf Gewalt-Darstellungen - "vermutlich, weil bei Sexualität die Suchtgefahr größer ist."

Auch Brutalität im Film schreckt García nicht immer ab. "In manchen Kreisen darf ich es ja nicht laut sagen, aber ich bin ein Fan von Pulp Fiction", erzählt er. "Ich habe Verständnis, wenn sich einige durch manche Gewalt-Szenen in ihrer Würde verletzt fühlen. Wir Kritiker haben halt schon viel gesehen und insofern eine dickere Hornhaut."