Bienenvölker als Ware - in Kalifornien verpackt man sie zum Weitertransport auf Plantagen. - © Filmladen
Bienenvölker als Ware - in Kalifornien verpackt man sie zum Weitertransport auf Plantagen. - © Filmladen

Markus Imhoof weiß, wovon er spricht, wenn es um die Bienen geht: Kaum ein anderes Sujet ist für den Schweizer Filmemacher so vertraut; sein Großvater war Imker, Imhoof selbst besitzt einige Bienenvölker und seine Tochter arbeitet als Bienenforscherin in Australien. Naheliegend also, dass sich Imhoof in seinem Dokumentarfilm "More than Honey" (ab Freitag im Kino) mit den emsigen Insekten und ihrem bislang ungeklärten Massensterben auseinander setzt.

Der Film unternimmt einen globalen Streifzug durch industrielle Imkereibetriebe, durch eine von Monokulturen und Pestizid-Einsatz geprägte Landwirtschaft und durch allerlei damit verbundene Skurrilitäten: Etwa, wenn österreichische Bienenzüchter ihre lebenden Königinnen per Post in alle Welt verschicken oder wenn in China die Menschen die Blüten von Hand (!) bestäuben, weil es dort praktisch keine Bienen mehr gibt. Die "Wiener Zeitung" traf Imhoof zum Gespräch.

*****************

"Wiener Zeitung": Das Bienensterben befasst die Wissenschaft seit Jahren, ohne dass es wirkliche Erkenntnisse zur Ursache gäbe. Sind die Bienen bereits verloren?

Interview mit Markus Imhoof

Markus Imhoof: Es herrscht Alarmstufe Rot. Man sucht nach Antworten, doch das Thema ist viel zu komplex. Die Frage ist insofern falsch gestellt, weil die Ursache bei uns selbst liegt. Früher hatte man in den Bergwerken Kanarienvögel in einem Käfig. Wenn Gas austrat, starben die Vögel zuerst und man konnte noch flüchten. Die Bienen sind wie die Kanarienvögel. Einstein hat gesagt: Wenn die Bienen sterben, sterben vier Jahre später auch die Menschen. Man muss den größeren Zusammenhang verstehen. Alles, was wirklich Spaß macht beim Essen, ist von den Bienen bestäubt. Natürlich könnten wir ohne Bienen überleben, aber ziemlich karg.

Auf vielen Honiggläsern steht auf dem Etikett "naturreiner Blütenhonig", der Honig ist aber eine Mischung aus mehreren Ländern der EU.

Markus Imhoof: "Ohne Bienen wäre das Leben karg." - © Filmladen
Markus Imhoof: "Ohne Bienen wäre das Leben karg." - © Filmladen

Es steht dann auch noch auf dem Etikett, ob es ein Honig aus EU- oder Nicht-EU-Ländern ist. Möglicherweise ist chinesischer Honig drin, oder es ist nicht mal mehr Honig. Es gibt sogenanntes Honey Laundering. Wenn man aus dem Honig alle Pollen herausfiltert, die quasi sein genetischer Fingerabdruck sind, lässt sich nicht mehr feststellen, woher der Honig kommt. Man kann ihn dann mischen mit einem anderen Honig, der zum Beispiel aus China stammt. Diese Mischung wird dann nach Griechenland verschifft, von dort etwa nach Bremen geschickt und landet als europäischer Honig im Handel.

Sie zeigen, wie industriell die Honigerzeugung geworden ist. Was würde wohl Ihr Großvater, der Imker war, dazu sagen?

Er wäre entsetzt. Er hat damals auch Königinnen gezüchtet, aber er hat sie nicht in die ganze Welt verschickt, wie das heute gemacht wird. Am Bienensterben gibt es keinen einzelnen Schuldigen. Wir alle sind beteiligt daran. Es ist die Art, wie wir mit der Natur umgehen. Wir versuchen die Natur zu dominieren, ohne zu beachten, dass alles in ihr zusammenspielt. Die Pflanzen und die Bienen haben über Jahrtausende ein Zusammenspiel entwickelt, jeder hat etwas vom anderen, und keiner verliert dabei etwas. Die Bienen sind die Einzigen, die etwas ernten und nichts wegnehmen.

Im Film zeigen Sie eine US-Mandelplantage, die mit großem Pestizideinsatz erhalten wird, und die herangekarrten Bienen bekommen all diese Gifte ab.

Mit der Ausrede, die Welt ernähren zu müssen, haben wir eine immer totalitärere Landwirtschaft. Und alles Totalitäre muss seine Feinde mit harter Hand bekämpfen, sonst funktioniert es nicht. Monokulturen sind ein Fest für Parasiten, die haben hier ein Schlaraffenland. Darum müssen Pestizide eingesetzt werden. Im Übrigen kamen die Mandelbäume aus Spanien, die gab es in Amerika nicht. Auch die Bienen, die sie bestäuben, gab es nicht. Die Bäume blühen zu einer Zeit, zu der die Bienen noch schlafen würden, man gräbt sie also aus dem Schnee aus, bringt sie zur Plantage, wo dann auf Knopfdruck Frühling herrscht. Die Bienen müssen zuerst mit Zuckerwasser auf Trab gebracht werden. Dann stellt man sie unter die noch kahlen Mandelbäume, damit sie sofort bereit sind, wenn die ersten Blüten aufgehen. Nachts wird dann gespritzt, weil man glaubt, so würden die Bienen weniger abbekommen. Das stimmt aber nicht: Es gibt in den USA und in Europa keine Biene mehr, die frei von Antibiotika oder Medikamenten ist.

Ist die sogenannte "Killerbiene" eine Lösung, so wie Sie das im Film beschreiben?

Ja, die werden die Welt retten. Die werden nicht krank und sind sehr robust.

Diese Bienen wurden vom Menschen gezüchtet.

Genau. Ein Zauberlehrlingsprodukt des Menschen, das scheinbar eine Katastrophe ist. Aber Brasilien ist das viertwichtigste Honigland der Welt, seit man dort die Killerbienen hat. Diese Bienen produzieren mehr Honig, sind widerstandsfähiger, haben aber einen schlechten Ruf, weil sie angriffslustiger sind. Sie haben schon einen schwierigen Charakter, man muss einfach ein bisschen anders mit ihnen umgehen. Das Problem ist derzeit, dass sie in kälteren Ländern noch Schwierigkeiten haben.