Götz Spielmann (rechts im Bild) bespricht eine Szene mit Ursula Strauss und Sebastian Koch. - © Filmladen
Götz Spielmann (rechts im Bild) bespricht eine Szene mit Ursula Strauss und Sebastian Koch. - © Filmladen

Annaberg. Götz Spielmann ist sehr entspannt. Die Dreharbeiten zu seinem neuen, mit 2,5 Millionen Euro budgetierten Spielfilm "Oktober November" sind dieser Tage zu Ende gegangen, das Team präsentierte sich in ausgelassener Stimmung, beim Setbesuch am Drehort im niederösterreichischen Annaberg, unweit von Mariazell. "Wir drehten eine Woche in Berlin, ein paar Tage in Wien und dann fünf Wochen hochkonzentriert hier in Annaberg, in relativer Abgeschiedenheit", sagt Ursula Strauss, die eine der Hauptrollen spielt. Am Vorabend stand ein anstrengender Nachtdreh im Gasthof zur Post an, die Nachtruhe war entsprechend kurz. Doch das Team ist topfit. Petra Zeh, die Bürgermeisterin der 570-Einwohner-Gemeinde, kann ihren Stolz über die Anwesenheit des prominenten Filmteams nicht verbergen. "Es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis wir hier eingebürgert werden", scherzt Regisseur Spielmann.

Promis im Wirtshaus


Wo sonst Wallfahrer nach Mariazell Halt machen oder im Winter Skifahrer den letzten verbliebenen Lift benutzen und eine schöne Fernsicht auf die niederösterreichischen Voralpen genießen, ist eine Promidichte wie diese nicht unbedingt üblich: In Spielmanns neuem Film spielen neben Strauss auch noch Nora von Waldstätten, Sebastian Koch und Peter Simonischek die Hauptrollen. "Die haben uns hier wunderbar bekocht, was für eine Freude", frohlockte der einstige Jedermann, der in "Oktober November" einen alternden Patriarchen in einem Gastronomie-Familienbetrieb spielt. Er hat zwei Töchter, die sich sehr unterschiedlich entwickelt haben: Sonja (Von Waldstätten), die jüngere, lebt in Berlin. Sie ist sehr erfolgreich, zu einer bekannten Schauspielerin geworden. Verena (Strauss) hat das Elternhaus nie verlassen, lebt noch immer in dem kleinen Dorf, mit Mann und Kind. Nach einem Herzinfarkt muss der Vater sein Leben neu überdenken, die Familie kommt zusammen.

Peter Simonischek als alternder Patriarch und Gastwirt mit Herzproblemen: In Götz Spielmanns
Peter Simonischek als alternder Patriarch und Gastwirt mit Herzproblemen: In Götz Spielmanns

In diesem Spannungsfeld entwickelt Götz Spielmann eine komplexe Erzählstruktur, um familiäre Konflikte aufzuschlüsseln. "Familiengeschichten sind oft voll von Hass und Selbstzerstörung, Familie kann aber auch ein Rückzugsort und ein Kraftfeld sein", sagt Spielmann. "Mich interessieren die Verbundenheiten untereinander, im Schönen wie im Problematischen, die in Familienstrukturen geballt aufeinander treffen. Das ist das zentrale Thema in ‚Oktober November‘." Peter Simonischek findet, das Thema werde auch visuell (hinter der Kamera steht Martin Gschlacht) und erzähltechnisch höchst anspruchsvoll umgesetzt: "Auf dem Papier liest sich die Geschichte simpel", sagt Simonischek, "aber schnell merkt man, welch ausgeklügelte Erzählstruktur dahintersteckt."

Götz Spielmann hat sich für das Erdenken dieser Struktur viel Zeit gelassen. Fünf Jahre sind seit dem Dreh zu seinem letzten Drama "Revanche" vergangen, für das er 2009 in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" oscarnominiert war. "Das war eine Anerkennung für meine Arbeit, die ich sehr lange Zeit nicht hatte. Es ist ein Mehrwert für meine Arbeit, dass man ihr Respekt entgegengebracht hat. Das ist schon ein großer Lebensgewinn und es war mir wichtig, denn ich mache ja Filme nicht zu meiner eigenen Selbstverwirklichung, das wäre unsinnig, da gäbe es weitaus bequemere Dinge, um sich selbst zu verwirklichen. Sondern ich mache Filme in der Hoffnung, dass sie für andere Menschen einen Wert haben", sagt Spielmann.

Der kreative Druck ist durch die Oscarnominierung aber nicht kleiner geworden. "Der Anspruch, den ich an mich selbst stelle, ist ja ein anderer als die Anerkennung. Der Druck, oder die Suche ist genau dieselbe wie früher. Aber man arbeitet in einem schöneren Umraum. Man ist kein anderer, aber man wohnt besser."

Die Bedeutung der Orte


Zu der von Spielmann angesprochenen Suche gehören bei seinen Geschichten zuallererst die Orte, an denen sie spielen. Zur Wahl für "Oktober November" standen das Waldviertel, Oberösterreich und die niederösterreichischen Voralpen. Gesucht wurden ursprüngliche Gasthöfe, in denen die Geschichte spielen könnte.

"Als ich nach Annaberg kam, stellte ich fest, dass die Geschichte am besten hierher passte. Erst danach schrieb ich das Drehbuch. Das ist ein sehr komplexes Suchen, wo die Geschichte und der Ort einander immer wieder wechselweise beeinflussen." Die Orte sind Spielmann "extrem wichtig, weil sie der Raum sind, in dem meine Figuren agieren. Mich interessiert an Menschen der Raum, der sie umgibt, denn das erzählt unglaublich viel über die Figuren."

Rund um den Ort der Handlung entwickelt Spielmann dann seine Geschichten, die zunächst nur vage Ideen sind, sich aber mehr und mehr konkretisieren. "Das ist ein Prozess, den man schwer beschreiben kann. Und zwar deshalb, weil Teile der Schreibarbeit, und zwar vielleicht die wichtigeren Teile, Intuition und Instinkt sind", so Spielmann. "Beim Schreiben ist für mich sehr viel Bewusstsein nötig, um an den Punkt zu kommen, an dem man spürt, dass etwas richtig ist. Erst dann schreibe ich es auf, und zwar intuitiv. Das bedeutet für mich, dass ich beim Inszenieren sehr viele Entdeckungen mache, denn ein Regisseur muss viel verstandesmäßiger und intellektueller arbeiten als ein Autor. Erst beim Dreh entdecke ich meine Drehbücher wirklich."