Ulrich Seidls letzter Teil seiner Trilogie "Paradies: Hoffnung" steht im Wettbewerb um den Goldenen Bären. - © Ulrich Seidl Film Produktion
Ulrich Seidls letzter Teil seiner Trilogie "Paradies: Hoffnung" steht im Wettbewerb um den Goldenen Bären. - © Ulrich Seidl Film Produktion

Blickte man noch vor 24 Stunden im Untergeschoß der Potsdamer Arkaden in Berlin von der einen Rolltreppe zur anderen, weit hinten am anderen Ende des Gebäudes, war man erst einmal überrascht über die weite Sicht. Doch wo gestern vor dem geistigen Auge noch das rund gewachsene Westerngestrüpp durch die Gänge wehte, das man viel eleganter Tumbleweed nennt, herrscht heute schon eher Tumult: Es ist Berlinale und das heißt, nicht nur das cinephile Publikum, das sich schon seit Tagen im Erdgeschoß um Tickets anstellt, ist gewohnt gut ausgerüstet (Campingsessel mit Getränkehalter), sondern auch die inoffizielle Festival-Kantine im Keller dieses Einkaufszentrums, vom Buletten-Stand bis zum Fast-Food-Asiaten, hat wieder Hochsaison.

Die Wahrscheinlichkeit jedoch, dass hier neben Berlinale-Festival-Direktor Dieter Kosslick zu sitzen kommt, ist gen null. Denn wie man ein stressiges Festival wirklich übersteht, hat er sich schon 2007 überlegt und wohlweislich eine Extra-Sektion ins Programm gehoben, die sich "Kulinarisches Kino" nennt. "Vom Garten auf die Gabel" ist das diesjährige Motto, unter dem der strenge Vegetarier und Slow-Food-Fan Kosslick Filme zum Thema Essen versammelt und die Besucher danach jeweils mit einem Büffet im Spiegelzelt am Martin-Gropius-Bau verköstigt. Kosslick macht kein Geheimnis daraus, dass er am liebsten eigentlich nur noch seinen eigenen Garten pflegen würde, im Haus auf dem Land, das er mit seiner Frau bewohnt, wenn er nicht gerade den Filmstars am roten Teppich die Händchen halten muss. Sein elftes Jahr ist dies nun als künstlerischer Leiter der Filmfestspiele Berlin, und seit langem scheint es wieder ein gutes Jahr zu sein, und das liegt nicht nur am überraschend uneiszeitlichen Wetter.

Wong Kar Wai bastelt
noch an seinem Film


Geht alles gut, dann wird die 63. Berlinale heute Abend mit "The Grandmaster" eröffnet, dem neuen Film von Wong Kar Wai. Wie fast immer, arbeitet der chinesische Regisseur noch bis zur letzten Minute an seinem Film, bereits mehr als einmal musste er in vergangenen Jahren eine Vorführung verschieben, weil er nicht rechtzeitig fertig geworden war - und das, obwohl er das Marital-Arts-Drama, das die Lebensgeschichte von Bruce Lees Meister Ip Man erzählt, bereits Anfang Jänner in China uraufführte. Um zehn Minuten wurde die Fassung nun für Berlin noch geschnitten. Oder wird. Jedenfalls auf epochale und visuell beeindruckende zwei Stunden, die in China bereits 45 Millionen Dollar einspielten. Der Film läuft im Wettbewerb allerdings außer Konkurrenz, da Wong Kar Wai zudem der Hauptjury vorsitzt, die heuer unter 19 Beiträgen über die Vergabe der Goldenen und Silbernen Bären entscheiden wird.

Deutlich interessanter als noch in den vergangenen Jahren scheinen hier die Arbeiten dieses Mal: Mit "Promised Land" etwa widmet sich Gus Van Sant der sogenannten "Fracking Methode", eine umstrittene Erdgasfördertechnik, bei der chemische Flüssigkeiten ins Bodeninnere gepresst werden, um Druck zu erzeugen. Matt Damon spielt den Energiekonzern-Vertreter, der die Bauern überzeugen soll, ihr Farmland zu verkaufen, und rein soziopolitisch passt dieser Film ins Bild von Kosslicks Vorliebe, sich immer gern dem Polit-Aktivismus zuzuneigen. Natürlich freut sich Kosslick deswegen auch "Closed Curtain", den neuen Film des iranischen Regisseurs Jafar Panahi, im Wettbewerb zeigen zu können. Panahi, der für "Offside" 2006 den Regiepreis bei der Berlinale erhielt, ist wegen "Regime-Kritik" seit 2011 mit einer sechsjährigen Haftstrafe (Hausarrest) und einem zwanzigjährigen Berufs- und Reiseverbot belegt; als das Urteil bekannt war, zeigte sich die Berlinale solidarisch mit dem Regisseur und lud ihn als Jurymitglied ein - erfolglos.

Ein junges Mädchen und ein älterer Mann stehen dagegen in Ulrich Seidls "Paradies: Hoffnung" im Mittelpunkt, dem letzten Teil seiner Trilogie, mit der er zuvor in den Wettbewerben der Filmfestivals Cannes und Venedig vertreten war - ein Kunststück, das zuvor nur Krzysztof Kieslowski mit "Drei Farben: Blau, Weiß, Rot" gelungen ist. Das Ende einer Trilogie bringt übrigens auch Richard Linklater nach Berlin: In "Before Midnight" (außer Konkurrenz) treffen wir den Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) und die Französin Céline (July Delpy) wieder, die sich "Before Sunrise" in Wien kennengelernt und "Before Sunset" in Paris endgültig verliebt hatten.

Seidls Film jedenfalls ist nicht der einzige österreichische Beitrag auf der diesjährigen Berlinale: Mit "Die 727 Tage ohne Karamo" präsentiert Anja Salomonowitz in der Sektion Forum ihre Doku über binationale Ehen; Gustav Deutsch stellt seine neue Arbeit "Shirley - Visions of Reality" vor und Constanze Ruhm und Christine Lang zeigen ihren Film "Kalte Probe".

Im Wettbewerb um den Goldenen Bären konkurriert Seidl weiters unter anderem mit Steven Soderbergh ("Side Effects") und David Gordon Green ("Prince Avalanche") sowie Bruno Dumont ("Camille Claudel 1915"). Ein Preisträger steht bereits fest: Der französische Dokumentarfilmer Claude Lanzmann erhält den Goldenen Ehrenbären. Lanzmanns neuneinhalbstündiger Dokumentarfilm "Shoah" über den Völkermord an den europäischen Juden wurde 1986 im Berlinale-Forum gezeigt und mit internationalen Preisen ausgezeichnet - bei der diesjährigen Berlinale ist erstmals die restaurierte und digitalisierte Fassung zu sehen.