Bug und Sog: "Leviathan" ist ein buchstäblich elementarer Film. - © Alphaville Filmverleih
Bug und Sog: "Leviathan" ist ein buchstäblich elementarer Film. - © Alphaville Filmverleih

Während der ersten 25 Minuten von "Leviathan" muss man sich erst den Weg bahnen durch all diese Ketten und die Netze, die hier in pechschwarzer Nacht umhergeschleift werden, was so viel Lärm verursacht, als wäre man im Alptraum eines Soundmixers.

Irgendwann kann man verschwommen weiße Flecken gegen einen Himmel ausmachen, bis man darin Möwen erkennt, und langsam verbessert sich die Sicht: Eine Gruppe pitschnasser Männer, jeder mit einer brennenden Zigarette im Mundwinkel, holen den Fang der Nacht ein. Noch ist es künstliches Licht, das den Schiffsboden ausleuchtet, und später gibt die Morgendämmerung den Blick frei auf Eingeweide, die nun im Stakkato in die Eimer flutschen. Wir sind auf einem Fischkutter, vor der Küste von New Bedford in Massachusetts, und mehrere kleine Digitalkameras, die sich fast frei zu bewegen scheinen, haben uns dort hineingezogen.

Bereits in seinem Essay-Film "Sweetgrass", in dem er Schafhirten bei ihrem Herden-Auftrieb in Montana begleitete, hatte der Brite Lucien Castaing-Taylor der umgebenden Natur auf so packende Weise die Bühne geboten, dass man sich ihr weder entziehen konnte noch wollte, und auch mit dieser Arbeit - in Kollaboration mit der französischen Regisseurin Verena Paravel - fällt man hilflos dankbar in einen Sog faszinierender Rauheit.

Rau und atemberaubend


Ohne Kommentar und die spärlichen Dialoge immer vom Lärm der See oder der Schiffsgeräusche überlagert, entsteht eine Ebene reflexiver Anteilnahme, wie hier das Meer mit Gewalt scheinbar aller lebender Kreaturen beraubt wird, wie deren unbrauchbare, tote Teile wie Köpfe und Flossen, wieder zurückgeworfen werden, in eine Unterwasser-Blutlache gleich einer dunklen Fontäne.

Viele der Bilder sind beeindruckend komponiert, oft verstörend, öfter atemberaubend und manchmal auf eine Weise nach-koloriert, dass sie eher einer abstrakten Kunstinstallation ähneln als dem angestrebten Realismus anderer Dokumentarfilme. Manchmal hat man den Eindruck, einige Sequenzen würden sich - gleich der drögen Alltagsarbeit auf See - schier ewig hinziehen, sich wiederholen, und tatsächlich entbehrt dieser Film einer direkten Causa. Aber wohl gerade deswegen erreicht er das Bewusstsein des Zusehers unmittelbar.

Dokumentar-Essay

Leviathan, F/GB/USA 2012

Lucien Castaing-Taylor,

Verena Paravel