"Das letzte Land": Der Österreich-Pavillon, 2005 von Hans Schabus eingekleidet. - © VBK, Wien/Bruno Klomfar
"Das letzte Land": Der Österreich-Pavillon, 2005 von Hans Schabus eingekleidet. - © VBK, Wien/Bruno Klomfar

Am kommenden Montag, exakt einen Monat vor der Eröffnung der Biennale Venedig 2013, präsentiert der diesjährige Kommissär des Österreich-Pavillons, Jasper Sharp, in der Secession die über 500 Seiten starke Vorversion der Publikation "Österreich und die Biennale Venedig 1895-2013". Der Beitrag von Mathias Poledna, der den Pavillon heuer bespielt, bleibt allerdings bis zur Endversion des Buches im Juni immer noch ein wohl gehütetes Geheimnis.

Wiener Zeitung: Wie gestaltete sich die Arbeit an der Publikation, die viel Neues über die Geschichte der Biennale Venedig mit Fokus auf die Beteiligung Österreichs enthält?

Jasper Sharp: Wir begannen mit den Recherchen im Jänner 2012, erstellten zunächst eine chronologische Liste sämtlicher Künstler und Künstlerinnen, die Österreich bei der Biennale seit deren Bestehen vertreten haben. Derart umfangreich wurde das bisher noch nicht dokumentiert. Wir konnten dabei auf die Biennalekataloge aus den einzelnen Jahren zurückgreifen, wobei manche von ihnen in über bis zu fünf unterschiedlichen Ausgaben vorlagen. Erst ab 1954 gab es dann Einzelpublikationen zu den Künstlerbeiträgen im Österreichischen Pavillon. Auch schriftliche Korrespondenzen, Transport- und Versicherungslisten sowie Ausstellungsansichten lieferten wichtige Informationen.

Insgesamt schöpften wir aus dem Bestand von rund 50 europaweiten Archiven, darunter vor allem aus jenem des Historischen Archivs in Venedig. In Wien lieferten vor allem das Künstlerhausarchiv, das Verwaltungsarchiv, die Nationalbibliothek und die persönlichen Archive einzelner Künstler wertvolles Material. Auch Zeitungs- und Zeitschriftenartikel stellten eine wesentliche Quelle dar. Jedenfalls kamen wir uns bei der Arbeit am Buch manchmal wie Detektive vor.

Rückblickend betrachtet, erscheinen die österreichischen Beiträge mancher Jahre im Vergleich zu jenen anderer Länder ziemlich regressiv. 1964 etwa stellte der damals 70-jährige Herbert Boeckl - neben dem jungen Alfred Hrdlicka - 23 Ölbilder aus, die zur Hälfte aus den 1920er Jahren stammten. Die USA trumpften dagegen mit Pop-Art-Künstlern auf.

Es gab aber auch viele Biennale-Ausgaben, in denen Österreich den Zeitgeist betreffend an vorderster Front agierte: Etwa mit Gustav Klimt 1910, über diese Präsentation wurde noch 50 Jahre später gesprochen. Oder Friedensreich Hundertwassers Auftritt 1962, der quasi als Hit der damaligen Biennale galt. Auch die Doppelpräsentation von Maria Lassnig und Valie Export 1980 sowie die späteren Einzelpräsentationen von Walter Pichler und Franz West berührten sehr den Nerv der jeweiligen Zeit. Freilich gab es auch Präsentationen, die aus heutiger Sicht rückständig wirken. Allerdings gilt das auch für die Ausstellungen anderer Nationen.

Bis 1914 war die Biennale insgesamt eine ziemlich avantgardistische Institution. Zwischen 1920 und 1942 stand sie völlig im Zeichen des Faschismus. Die nächste Biennale fand dann aufgrund der Kriegswirren 1948 statt. Daraus erklärt sich auch, warum so viele Länder bis zur Biennale im Jahr 1954 Kunst zeigten, die auf frühere Dekaden verwies. Die ablehnende Haltung der faschistischen Politik gegenüber den Strömungen der Avantgarde waren der Grund dafür, dass 1948 Malereien der französischen Impressionisten, Werke der Expressionistengruppe "Blauer Reiter" und Arbeiten von Egon Schiele zu sehen waren.

Wie ist die Idee der Länderpavillons entstanden?

Zunächst gab es im Giardini-Areal nur den zentralen Italienischen Pavillon, in dessen einzelnen Räumen die teilnehmenden Länder sowie die italienischen Provinzen ihre Kunst zeigten. Im Verlauf der Jahre wurde aber seitens einzelner Länder der Wunsch nach jeweils eigenen Pavillons stärker, zumal sich auch Italiens Künstler gesondert präsentieren wollten. Belgien und Ungarn gehörten zu den Nationen, die schon früh eigene Pavillons errichteten.

Österreich bespielte einen singulären Pavillon erst 1932. Es war ironischerweise jener Deutschlands, das in diesem Jahr nicht an der Biennale teilnahm. Eine Abbildung in "Österreich und die Biennale Venedig 1895-2013" verweist darauf: Über dem Eingang zum Deutschen Pavillon prangt der Schriftzug "Austria". Josef Hoffmann konnte seine Ideen für den Österreichischen Pavillon erst 1934 verwirklichen, obwohl er bereits 1912 erste Entwürfe dafür geliefert hatte. Im Buch gibt es auch dazu einen Beitrag. Er macht die einzelnen Etappen, welche das Architekturprojekt durchlaufen hat, detailliert nachvollziehbar. Von 1895 bis heute haben österreichische Künstler in insgesamt zehn verschiedenen Länderpavillons ausgestellt. So war etwa Oskar Kokoschka 1948 im Jugoslawischen Pavillon zu sehen. Das ist speziell in Anbetracht der kommenden Biennale interessant, bei der ja Deutschland und Frankreich ihre Pavillons tauschen. Dahin gehende Beispiele gab es aber auch schon in den letzten Jahren - etwa durch Peter Koglers Präsentation im Luxemburgischen Pavillon. Bei einer Biennale der 1980er Jahre war gar der Amerikaner Robert Rauschenberg im Russischen Pavillon zu sehen, eine symbolische Geste sondergleichen.