Während in Cannes seit einigen Tagen fast unablässig der Regen niederprasselt, verschwimmen in manchen Filmen des Wettbewerbsprogramms gekonnt navigiert so manche moralische Grenzen.
Zum einen zeigt der für "Nader und Simin – Eine Trennung" 2010 bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete Asghar Farhadi mit LE PASSÉ was passiert, wenn Gefühle zum Gegenstand spürsinniger Verhandlungen werden, zum anderen fragt der japanische Regisseur Hirokazu Koreeda in LIKE FATHER, LIKE SON, was echte Elternliebe ausmacht.

Erneut zieht es Farhadi in LE PASSÉE zur Untersuchung zwischenmenschlicher Dynamiken und ihrer Verselbständigung, die nicht selten in einer Abwärtsspirale mündet: Ahmad (Ali Mosaffa) kehrt nach der Trennung von seiner Frau Marie (Bérénice Bejo) für ein paar Tage aus dem Iran nach Paris zurück, um die Scheidungspapiere zu unterschreiben. Was er vorfindet, ist eine komplizierte Lebenssituation: Marie ist soeben mit ihrem neuen Freund Samir (Tahar Rahim) , dessen Frau im Wachkoma liegt, zusammengezogen; beide bringen Kinder aus früheren Beziehungen mit (keines davon von Ahmad) und besonders Maries Teenager-Tochter Lucie macht ihr momentan schwer zu schaffen. Als Marie Ahmad bittet, mit Lucie zu reden, um herauszufinden, warum sie sich so demonstrativ entfernt und gegen die neue Beziehung ihrer Mutter stellt, setzt dies eine Reihe von Gesprächen in Gang, die wiederum Informationen enthüllen, die unvorhergesehene Wendungen bringen.

Es ist hier, dass Farhadi sein größtes Talent zeigen kann: Dialoge, in denen ein Halbsatz plötzlich einen moralischen Abgrund aufreißt oder eine gerade noch als sicher empfundene Wahrheit um 180 Grad in ihr Gegenteil verkehrt.

Dementsprechend exponiert gestaltet sich aber auch sein Kino, das vor allem in dieser Fokussierung auf Worte die Praxis "mündlicher Überlieferung"  immer auch in einen akuten Gegenwartsbezug setzt.
So sehr dieser Film auch die Vergangenheit in seinem Titel trägt, ist es vielmehr die gegenwärtige Sicht der Figuren auf immer noch ungelöste Fragen, die sie bestimmen; und wie auch in "Nader und Simin" bringt benutzt Farhadi hier gerne Glaswände, Spiegel und Türen, um nicht nur auf Verständigungsschwierigkeiten zwischen seinen Figuren hinzuweisen und vor allem das in seinen Filmen wiederkehrende Thema "Verschweigen" zu erarbeiten, sondern auch auf den Grad emotionaler Durchlässigkeit bzw. von Nähe hinzuweisen; und auch hier ist es letztlich die Konstellation Arbeitgeber – Angestellte die alles entscheidende Wendung in dieser konzeptuellen Detektivgeschichte bringt.

Anders aber fehlt in "Le Passé" der tatsächliche zu verhandelnde Fall und die damit einhergehenden Fragestellungen nach Moral auch in politischer Sicht. Doch wiederum sind auch in dieser Halb-Familie, die an der Erkenntnis von Halbwahrheiten verzweifelt und in der niemand seinen Gefühlen stark genug vertraut, allein die Kinder das emotionale und auch moralische Korrektiv.

Wie in Farhadis Filmen es immer die Frauen sind, von denen sozusagen die "Komplikationen" ausgehen, könnte man eventuell als misogyne Haltung ansehen; tatsächlich jedenfalls funktioniert in "Le Passé" der Mann (Ahmad), gleichsam als alleinige "Stimme der Vernunft", wenn auch er erst lernen muss, Vergangenes loszulassen.

Eine Art "Weg-Gebung" in doppeltem Sinne steht in Hirokazu Koreedas LIKE FATHER, LIKE SON im Mittelpunkt: Weil ihre beiden Söhne bei der Geburt vertauscht wurden, sollen zwei Elternpaare durch ein Arrangement des Krankenhauses nun, sechs Jahre später, sie wieder zurücktauschen.
Koreeda geht nicht subtil darin vor, die offensichtlichen Komplikationen noch deutlich herauszustreichen: Der eine Junge wurde bisher bei einer reichen Familie im Designer-Apartment als Einzelkind groß, der andere bei einer armen Familie im Kreise von Geschwistern. Welcher Weg einem Kind gegeben wird, hängt speziell im bekanntlich von eklatantem Klassenunterschied geprägtem Japan davon ab, wie reich die Eltern sind – Privatschule, Klavierstunden, Karriere gegen niedrige Bildung und wenige Möglichkeiten also. Dies dient Koreeda hier zur amüsanten Reflektion über damit einhergehende Werte, Druck und die Art von Lebensqualität, doch bleibt er dabei sowohl in seiner Figurenzeichnung als auch in seiner Haltung zu flach und spielt das Kernthema des Films – Was macht ein Kind wirklich zum "Produkt" seiner Eltern? – im Endeffekt nie zur Gänze aus.