"La Vie d’Adèle" ist der große künstlerische Triumph von Cannes 2013. - © Festival de Cannes
"La Vie d’Adèle" ist der große künstlerische Triumph von Cannes 2013. - © Festival de Cannes

Cannes. Niemals passiert es, dass das Wettbewerbsprogramm eines Filmfestivals ausschließlich exzellente Filme vereint. Die Kritiker-Reaktionen ganz außer Acht gelassen, kann selbst Cannes nur aus dem wählen, was rechtzeitig fertig wurde, und oft sind es eben auch die "kleineren Übel", die eine Wettbewerbsselektion auf durchschnittlich 19 Filme komplettieren. Weil man aber über die Dauer von zwei Wochen kontinuierliche Berichterstattung haben will (und zwar möglichst positive), ist die Planung, wann welcher Film zur Premiere gebracht wird, eine sensibel strategische Angelegenheit, die üblicherweise darin mündet, dass die Hälfte der Filme großer Namen am Beginn der ersten Woche gezeigt werden, darauf die weniger bekannten folgen, um dann gegen Ende noch einmal mit einem oder zwei "Kaliber" aufzuwarten.

Liebe ohne Grenzen


Heuer war dieser eine, wuchtige, großartige Film Abtellatif Kechiches "La Vie d’Adèle, Chapitre 1 & 2". Kechiche, Frankreich-Einwanderer aus dem Maghreb, Schauspieler und Regisseur von Filmen wie "Couscous mit Fisch", erzählt hier die Liebesgeschichte zwischen zwei Mädchen, gleichzeitig auch das Erwachsenwerden für die Hauptfigur Adèle, sensationell gespielt von der 18-jährigen Adèle Exarchopoulos. Über drei Stunden leben wir richtiggehend mit Adèle, begegnen ihr erstmals als 15-Jährige, die gerade dabei ist, herauszufinden, ob sie auf Männer oder auf Frauen steht und wohin sie mit ihrem Leben steuern soll. Nach einer ersten, kurzen Beziehung mit einem Jungen aus der Schule verliebt sie sich in Emma (Léa Seydoux), eine Kunststudentin um die 20, mit blauen Haaren.

So tief sich die Liebe zwischen den beiden entwickelt, so dramatisch wirkt sich allmählich ihr unterschiedlicher kultureller Hintergrund auf ihre Beziehung aus. Emma aus der intellektuellen Schicht und Adèle mit Eltern aus der Arbeiterklasse stoßen immer wieder auf gegenseitige Verständnisgrenzen, die sie beide schier unermüdlich versuchen, zu überwinden. Geradezu physisch inszeniert Kechiche seine Figuren hier, in einem neugierigen, wertungsfreien und grundehrlichen Realismus, der besonders Exarchopoulus alle Möglichkeiten für ihre entschlossene, energische Darstellungsweise lässt. Am Ende dieses Films ist Adèle 21, und wir haben gesehen, wie sie sich Spaghetti reinschaufelt, wie sie rülpst und Rotz heult und in ihre Jeans schwitzt, weil sie beim Date nervös ist. Wir wurden Zeuge einer gefühlt zehn Minuten langen Sexszene zwischen ihr und Emma, in der wir genau hinsehen durften und die so viel mehr zeigt als Sex - und wir wollen sie nun, da sich ihr Leben einem neuen Kapitel zuwendet gar nicht gehen lassen. Definitiv der Wunschkandidat für die Goldene Palme und den Darstellerinnenpreis.

Ein Hauch von Kitsch


Dass die Jury unter dem Vorsitz von US-Regisseur Steven Spielberg aber eher klassisches Hollywood-Kino bevorzugen könnte, wurde nach der Premiere von James Grays "The Immigrant" vermutet. Jener Film, der die Kritikerriege in Cannes am deutlichsten spaltete, erzählt die Geschichte einer jungen Polin (Marion Cotillard), die in den 1920er Jahren in New York versucht, Fuß zu fassen. Zwischen plattem Kitsch und genialem Kino des Gestus wurde dem Film nach der Premiere alles attestiert - unbestritten die exzellente Fotografie von Kameramann Darius Khondji ("Amour", "To Rome with love"), aber 2013 ein nichtssagender, bloß romantisierender Film.

Joel und Ethan Coens humorig-melancholische Folksänger-Wochenchronik "Inside Llewyn Davis" scheint ebenfalls geeignet zumindest für einen Preis fürs beste Drehbuch. Auch Alexander Paynes "Nebraska", über einen alten Mann, der glaubt, eine Million Dollar gewonnen zu haben, ist einer jener Filme, der leise daherkommt und emotional überrascht - ganz im Gegensatz zum schon im Vorfeld pompös gehypten "Only God Forgives", dem neuen Film von Nicolas Winding Refn und die wohl größte Enttäuschung dieses Festivals: eine leere Stilübung ohne Substanz, und in keiner Weise auch nur annähernd so gut wie Refns frühere Filme "Pusher" oder zuletzt "Drive."