Konkurrenz in der Kunst

Die Regulierungen bei Kulturgütern zeigen also zumindest in Frankreich Wirkung. Mit einem Freihandelsabkommen auch im Bereich der Kultur würden etliche tabuisierte Regeln fallen (müssen): Die Buchpreisbindung, die die Vielfalt am deutschsprachigen Markt garantiert, wäre in Gefahr, Subventionen in Form von Förderungen stünden auch den US-Kreativen offen, Quotenregelungen für den nationalen Anteil von Werken in Rundfunk und Kino wären Geschichte. Kultur als Handelsware brächte Konkurrenz in die Kunst. Bei Obama klingt das sympathischer: "Frieden mit Gerechtigkeit bedeutet eine freie Wirtschaft, die die Talente und der schöpferischen Kraft des Einzelnen freien Lauf gibt", sagte er in Berlin.

Schöne Worte von einem, der in einer guten Position ist: Schon jetzt beträgt der Anteil von US-Filmen in Europa mehr als 60 Prozent, in Österreich sogar 77 Prozent (Zahlen von 2011). In den USA liegt der Anteil europäischer Filme bei nur drei bis sechs Prozent - was vor allem an der Sprache liegt. Und die kann auch ein Freihandelsabkommen nicht ändern. Es ist daher anzunehmen, dass ein solches Abkommen - wäre darin die Kultur als Handelsware deklariert - vor allem den Hollywood-Studios nützen würden, kaum jedoch dem europäischen audiovisuellen Sektor. Der US-Markt bliebe ihnen vermutlich trotz Öffnung verwehrt, es sei denn, sie produzierten auf Englisch. Der freie Markt könnte also eine Veränderung im Film-, Musik- und Kulturmarkt bringen: Eine Anbiederungswelle, mit der versucht wird, Medien für den US-Markt zu produzieren. Ein Stück europäische Identität müsste man dafür schon aufgeben. Es wäre der Preis für die neue Freiheit. Wenn’s aber klappt, wird der eine oder andere reich.

Dass Film, Musik und Medien vorerst aus den Verhandlungen ausgenommen werden, ist ein Teilerfolg der nationalen Identitätswächter in der EU. Freihandel, wie ihn Obama versteht, muss sich jedoch vom Nationendenken verabschieden. Dann könnte sein Traum von der "schöpferischen Kraft des Einzelnen" in Erfüllung gehen. Und zwar egal, ob man in Paris, France oder in Paris, Texas sitzt.