• vom 27.08.2013, 18:05 Uhr

Film

Update: 05.08.2014, 14:37 Uhr

Filmfestspiele von Venedig

Bis Wasser drüberschwappt




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Von Alexandra Zawia aus Venedig

  • 20 Filme im Wettbewerb
  • Am Mittwoch eröffnen die 70. Internationalen Filmfestspiele von Venedig mit "Gravity 3D".

Immer noch George Clooneys Lieblingsfestival: Venedig und der wasserdichte Auftritt.

Immer noch George Clooneys Lieblingsfestival: Venedig und der wasserdichte Auftritt.© Foto: epa Immer noch George Clooneys Lieblingsfestival: Venedig und der wasserdichte Auftritt.© Foto: epa

"Das Venedig Prinzip" heißt eine erst vor kurzem in den Kinos gelaufene Dokumentation über die Strategien einer versinkenden Stadt. Sie führt vor Augen, wie der Wettbewerb um die größten Touristenattraktionen die Lebensqualität einer Stadt nivelliert: Von den 58.000 Menschen, die jetzt noch in Venedig wohnen, wird in 15 Jahren niemand mehr übrig sein: entweder verstorben oder weggezogen, dorthin, wo es noch Arbeit gibt und man sich Wohnungen leisten kann, die nicht vom Wasser unterhöhlt werden.

In Spitzenzeiten kommen bis zu 400.000 Touristen täglich in die Lagunenstadt - und während der jährlichen Internationalen Filmfestspiele von Venedig bevölkern diese auch den Lido, wo der "Palazzo del cinema" steht, ein alter Mussolini-Bau, der für elf Tage (heuer bis 7. September) das Zentrum der Filmwelt bildet. Das zumindest ist immer noch der Anspruch des ältesten Filmfestivals der Welt, das sein 70-jähriges Bestehen feiert, und daran hält auch Alberto Barbera fest, seit 2012 immer noch irgendwie "neuer" künstlerischer Leiter des Festivals - nach zuletzt Marco Müller. Barbera hatte vergangenes Jahr ein wenig "aufgeräumt", einige Sektionen verschlankt und das Festival stärker den neuen Medien geöffnet: Auch dieses Jahr sind etwa wieder 15 Festivalfilme (die meisten aus der Sektion Orizzonti) auch für Nicht-Festival-Besucher online zu sehen.


Man arrangiert sich

Was aber genau tut das Festival, um keinen Braindrain zu erleben? Mit dem ebenfalls international renommierten Filmfestival Toronto (gleich im Anschluss an Venedig) und auch dem eigenen "Feind" im Land, dem Filmfestival in Rom (nunmehr unter Marco Müller) ein paar Monate später, kämpfen Barbera und sein Team durchaus darum, die besten Filme für ihre Wettbewerbe zu bekommen. Damit allein ist es außerdem nicht getan - ein Filmfestival will auch "programmiert" sein, sprich: eine erkennbare Linie haben und nicht unterhöhlt oder gar hohl wirken.

Baulich klappt das wie in der Stadt Venedig auch am vorgelagerten Lido wenig optimal: Den geplanten neuen Palazzo hat man noch in der ausgehobenen Grube im Asbest versinken lassen, und seitdem liegt eine weiße Plane (des Schweigens) darüber. In Venedig arrangiert man sich - aus Zugzwang - mit diversen Komplikationen: Bei Regen waren durch die undichte Decke im Presseraum des Öfteren schon die Hälfte der Computer unbenutzbar, und nicht selten gehen die Stars über einen von Baustellen-Staub berieselten roten Teppich.

Lebten wir in einer Welt, in der es nicht nur bei Filmfestivals endlich nicht mehr auch auf Glamour und Showeffekte ankäme, spielte all das glücklicherweise gar keine Rolle und der Fokus läge tatsächlich nur auf der Qualität der Filme. Momentan aber wohnt zum Beispiel George Clooney immer noch ab und zu in einer Villa am Comer-See, und immer noch ist (also schon aus logistischen Gründen) Venedig sein liebstes Filmfestival. Heuer wird ihm die Eröffnungs-Ehre zuteil: Im Science-Fiction-Drama "Gravity 3D" des Mexikaners Alfonso Cuarón spielt er einen im All verlorenen Astronauten, mal mehr, meistens weniger an der Seite von Sandra Bullock.

Die "Großen Namen", die für Filmfestivals so wichtig geworden sind, werden in Venedig dieses Jahr (auch im Hauptwettbewerb) wieder stark mit englischsprachigen Filmen assoziiert: Scarlett Johansson als ein Alien in "Under The Skin", Matt Damon und Christoph Waltz im dystopischen Fantasyfilm "The Zero Theorem" von Terry Gilliam und Billy Bob Thornton in "Parkland", der im Dallas Hospital spielt, an jenem Tag, als der angeschossene Präsident John F. Kennedy eingeliefert wird. Nicolas Cage wird in David Gordon Greens "Joe" - ebenfalls ein Wettbewerbsbeitrag - als Ex-Häftling zu sehen sein und Judi Dench sich in "Philomena" von Stephen Frears auf die Suche nach jenem Kind begeben, das sie zur Adoption freigeben musste.

Erstmals Doku im Bewerb
Als Anti-Held (aus Zeiten des Irakkriegs) dagegen tritt der ehemalige US-Verteidigungssekretär Jonathan Rumsfeld auf den Plan: Die Dokumentation "The Unknown Known" von Errol Morris ist eine von zwei erstmals überhaupt in den Wettbewerb zugelassenen Dokumentationen; sie bezieht ihren Titel aus Rumsfeld eigener Maxime über Bedrohungen, von denen man weiß, und jenen, die man nicht einmal erahnt.

Gerne gibt sich der Schauspieler-Regisseur James Franco unvorhersehbar und bewarb seinen Wettbewerbsfilm basierend auf Cormac McCarthys fein schauerlichem Roman "Child Of God" schon vorab als "Mischung zwischen ‚Deliverance" und ‚Charlie Chaplin‘". Nicht nur mit Franco, sondern etwa auch mit Kelly Reichardt (und ihrem "Night Moves" über Öko-Terroristen) mischt sich eine gewisse "Indie"-Schiene mit etablierten Großproduktionen auf einem internationalen Festival, das vor allem auch in Venedig darauf achten muss, nicht zu teuer zu werden und damit einen Teil der Festivalfilmindustrie zu vertreiben. Zumindest thematisch zeigt man sich im Filmprogramm stellenweise der Realität gewahr, dass längst nicht alle Menschen in Glitzer und Glamour leben, und schielt dabei dieses Jahr auch auf aktuelle Lebenssituationen im eigenen Land.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-08-27 16:23:04
Letzte Änderung am 2014-08-05 14:37:11


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