"Wiener Zeitung": Vor einem Jahr lief Ihr Spielfilm "Spanien" in den Kinos, in dem eine der Hauptfiguren ein Fremdenpolizist ist, der Scheinehe-Kontrollen durchführt. Eine andere Figur ist ein Flüchtling, der sich verliebt. Inwieweit hat der Spielfilm die Dokumentation "Die 727 Tage ohne Karamo" bedingt und umgekehrt?

Anja Salomonowitz: An "727" habe ich zuerst gearbeitet, seit 2006, es war aber sehr lange nicht fertig finanziert. Es war Geld da, um weiterzuarbeiten, aber nicht genug, um wirklich anzufangen. Aus lauter Verzweiflung kam dann die Idee, die Geschichte in einem Spielfilm zu verarbeiten. Mit Dimitrè Dinev ist das Drehbuch von "Spanien" aber ganz anders geworden, seiner mystischen Welt entsprechend.

Erinnern Sie sich noch an den Anlass für diesen "727"?

Der Film hat verschiedene Stadien durchlebt, er war ein Spielfilm über Schutzehen, er war einmal europaweit angedacht, doch als ich angefangen habe, betroffene Paare zu interviewen, war mir schnell klar, dass ich auf dieses Thema fokussieren werde. Soweit ich mich erinnere, war da Empörung - und der Wille, diese Geschichten wieder und wieder zu zeigen. Ich habe eine Frau interviewt, die schwanger war und mir erzählt hat, dass der Vater des Kindes, ihre erste große Liebe, im achten Monat abgeschoben wurde. Wie ist so etwas Unmenschliches möglich?

Im Vorfeld von "Spanien" haben Sie auch viel Recherchearbeit betrieben. Gibt es für Sie eine klare Trennung zwischen Dokumentar- und Spielfilm?

Ich unterscheide in der Form nicht zwischen Spielfilm und Dokumentarfilm, in beiden Fällen ist es Arbeit mit den Menschen. Mich interessiert, die Grenzen des Dokumentarfilms neu auszuloten. Ich finde es schön, wenn man die Realität verdichtet und anhand dieser verdichteten Fragmente zu einer Aussage kommt. Ich wollte in meinem Film klar und unmissverständlich die gesetzliche Struktur, die all diesen Geschichten zugrunde liegt, zeigen. Die grausamen Auswirkungen davon in der Realität dieser Familien natürlich auch. Aber ohne Mitleid. Indem der Film nicht an einer Person klebt, denke ich, ist das Schicksal nicht so sehr mit den Menschen verwoben und es lässt sich das System dahinter erkennen.

Auffallend ist die ungewöhnliche Ausstattung, die so gelb wie möglich ist. Farben spielen auch in Ihren bisherigen Filmen eine wichtige Rolle. Warum haben Sie das Konzept beibehalten und warum Gelb?

Ich wollte den Alltag durch die Farbgebung leicht abstrahieren. Der Gedanke dahinter ist, dass man durch Verfremdung oder Überhöhung unmittelbarer auf die Verhältnisse und Strukturen dahinter sehen kann. Es wird aber niemand durch die Farbe gekennzeichnet, das fände ich schrecklich. In gewisser Weise empfinde ich, dass die Farbe die Menschen sogar beschützt, ihre Privatsphäre einhüllt, denn alle Drehorte sind original und echt.

Aus den Erzählungen der Eheleute klingt zwar Verzweiflung heraus, dennoch erzählen alle ihre Geschichten sehr nüchtern. Wut ist nicht wirklich zu sehen, vielleicht nur zu spüren. Warum?

Die Worte und Geschichten geben von diesem Druck preis, dem die Menschen ausgesetzt sind. Und dazu braucht es nur die reine Aufzählung der Fakten: Welches Einkommen man haben muss, welche Deutschkurse und in welcher Reihenfolge. Alleine durch die Aufzählung und dadurch, dass diese Aufzählung kein Ende zu haben scheint, wird einem die Unüberwindbarkeit der behördlichen Hindernissen bewusst. Ich habe die Menschen aber auch als tapfer erlebt, nicht als jammernd. Einen jammernden Film zu machen, interessiert mich nicht.

Das Fremdenrecht ist der unsichtbare Hauptakteur dieses Films, doch als Protagonisten kommen weder Gesetzgeber noch Exekutive vor. Warum?

Ich wollte ganz dezidiert keine Beamten oder Beamtinnen in meinen Film lassen, denn es geht darum zu erzählen, was die von ihnen exekutierten Vorschriften auslösen. Es geht aber nicht darum, einen einzelnen Beamten anzuklagen. Wenn Beamte sprechen würden, würden sie doch die Verantwortung übernehmen, wären sozusagen das Böse. Es ist aber ein System, das sich ja auch durch sein "Apparat-Sein" schützt, indem eben niemand direkt verantwortlich ist.

Der Gesetzgeber will mit dem Gesetz Migration steuern und Scheinehen verhindern. Der Preis dafür scheint zu sein, dass es schwierig geworden ist, binationale Beziehungen in Österreich zu führen. Hatten Sie den Eindruck, dass dem Gesetzgeber diese Folge bewusst ist beziehungsweise sie in Kauf genommen wird?

Ich glaube, ganz hart, das ist Sinn und Zweck der Sache - und alles andere nur ein Vorwand.

Eine Frage werfen auch die Kontrollen der Fremdenpolizei auf, die im Film beschrieben werden. Sie erwecken den Eindruck, dass es zu einer Art Beweislastumkehr gekommen ist: Die Paare müssen der Polizei beweisen, dass sie keine Scheinehe führen, nicht umgekehrt.

Absolut. Dass die Standesämter Meldung an die Fremdenpolizei machen müssen, ist ein rassistisches und deutlich zu stark in individuelle Entscheidungen eingreifendes Mittel. Diese Kontrollen sind eine erniedrigende, peinliche Erfahrung für alle Menschen. Ich frag mich, wie es möglich ist, dass im Jahr 2012 immer noch Nachbarn befragt werden, ob der Mann XY hier aus- und eingeht. Das ist doch Bespitzelung. Wieso gibt es keinen kollektiven Aufstand in dem Haus?

Zur Person

Anja

Salomonowitz

lebt und arbeitet als Filmemacherin in Wien. Mit "Kurz davor ist es passiert" gewann sie 2006 unter anderem den Wiener Filmpreis. "Die 727 Tage ohne Karamo" sind Salomonowitz’ fünfter Langfilm.