In seinem Film "Sacro GRA" porträtiert der italienische Regisseur Gianfranco Rosi (zuletzt mit "El Sicario, Room 164" auch auf der Viennale) Menschen, die entlang der 68 Kilometer langen Grande Raccordo Anulare, der Ringautobahn in Rom leben. Eine Straße wie eine Erinnerungsschleife an den wirtschaftlichen Boom, von dem nun nur noch die Bewohner übrig sind. Was daran "heilig" ist, erklärte er im Interview.

Gianfranco Rosi. - © Asac
Gianfranco Rosi. - © Asac

"Wiener Zeitung": Gab es einen bestimmten Impuls, der Sie entscheiden ließ, einen Film über den Autobahnring um Rom zu machen?

Gianfranco Rosi: Die Arbeiten des Landschaftsarchitekten Nicolò Bassetti haben mich auf die Idee gebracht, er war am Entwurf der Sacro GRA beteiligt und ich habe mich viel mit ihm unterhalten.

Verstehe ich es richtig, dass dieser Ring nicht Vorstädte abgrenzt, sondern integraler Teil von Rom ist?

Ganz genau so ist es, die verschiedenen Menschen, die wir hier sehen, vom Superreichen bis zum Obdachlosen, wohnen nicht in Vorstädten, sondern all das ist Rom.

Im Kino kennt man Rom vor allem als güldene, dekadente, heilige Stadt, als Zentrum des dolce vita; Ihr Film könnte als Gegenprogramm zum erst kürzlich gelaufenen "La Grande Bellezza" von Paolo Sorrentino gesehen werden.

Das wäre vielleicht interessant, ja. Es ist eben Tatsache, dass Rom immense Probleme hat, wirtschaftlich, finanziell, politisch, gesellschaftlich. Diese beiden Filme zeigen Aspekte der Stadt, die einerseits dieselben Themen ansprechen und trotzdem gegensätzlich sind. Mein Film bewegt sich zentripetal, Sorrentinos Film dagegen zentrifugal. Dieser Autobahnring zeigt verschiedene Alltagsszenarien, mit lebendigen, interessanten Menschen. Das Zentrum von Rom dagegen ist wie mumifiziert, mit null Persönlichkeit. Es ist ein touristisches Chaos ohne Zukunft.

Sie zitieren in Ihrem Film Federico Fellinis "Roma", in dem die GRA ebenfalls eine Rolle spielt.

Ich hatte Fellinis Film kürzlich auf DVD gesehen und mir den Off-Screen-Kommentar dazu angehört, und da sagt er einmal: "Die Autobahn wirkte wie einer der Ringe des Saturn." - Das traf meinen Eindruck von dieser eigentlich fremden, irgendwie heilig entrückt wirkenden Zone sehr gut, deswegen steht das Zitat jetzt auch am Anfang meines Films.

Wie haben Sie die Charaktere ausgewählt?

Durch lange Recherche. Ich habe allein sechs Monate damit verbracht, die Autobahn kennenzulernen, Plätze zu finden, die mich interessierten, und Menschen, die dort wohnten. Es war mir wichtig, mit ihnen Freundschaften aufzubauen, die auch über die Dreharbeiten hinaus dauern würden. Es ist für mich wichtig, die Menschen zu kennen, damit ich weiß, wie ich die Kamera positionieren muss, damit sie sie am leichtesten vergessen. Das Schwierigste war aber, mir die Autobahn selbst zu eigen zu machen und einen Weg zu finden, um zu zeigen, dass dies nicht nur eine endlose Beton-Bahn ist, sondern wie eine Lebenslinie verläuft, die viele verschiedene Abzweigungen und Geschichten birgt, und jeweils eine andere Zukunft.

Sie sind als Regisseur immer wieder spürbar, indem Sie zum Beispiel den Figuren gewisse Anreize liefern, über etwas zu sprechen. Fiktionalisieren Sie die Dokumentation dadurch?

Die Autobahn ist an sich schon ein narrativer Prätext. Ein Ort, der erst durch die Menschen eine Identität erhält. Ich wollte keinen "Plot" oder einen "Anfang" oder ein "Ende" für diesen Film, sondern er sollte wie eine instinktive Bewegung sein. Was all diese Figuren eint, ist ihre Verbindung zu einer Vergangenheit, die für jeden andere Dinge bereithält. Wenn ich als Dokumentarfilmer auch diese Ebene erzählen will, muss ich die Figuren manchmal darauf hinlenken, und auch dann "bekomme" ich Wirklichkeit.

Warum haben Sie keine Jugendlichen gefilmt?

Die jungen Leute, die ich gefragt habe, hat es nicht interessiert - und das ist auch bezeichnend für die echte Krise dieses Landes, die keine hauptsächlich finanzielle ist. Die wahre Krise ist, dass das Land keine Identität mehr hat.