Dass Filmmusik einen Gutteil der emotionalen Stimmung in einem Spielfilm ausmachen kann, ist unstrittig. Jedoch ist der Score, das Musikbett unterhalb der sichtbaren Filmhandlung, nicht immer zwingend erforderlich, wie es uns das zeitgenössische Hollywood-Kino gerne vorgaukelt. Etliche Filmemacher verzichten konsequent auf den Einsatz von eigens komponierter Filmmusik, um so den Effekt ihrer Bilder noch zu steigern und den Fokus auf die Erzählung zu lenken, anstatt die Tonspur mit orchestraler Ablenkung zuzukleistern. Oscar-Preisträger Michael Haneke zum Beispiel ist ein besonders radikaler Verfechter des musiklosen Dramas: Haneke, ein bekennender Liebhaber klassischer Musik, dessen Berufswunsch ursprünglich Dirigent war, benutzt in seinen Kinofilmen nie Filmmusik, es sei denn, sie ist Teil der Handlung (Source Music): Wenn jemand im Filmbild sichtbar ein Klavier spielt (so wie Emmanuelle Riva in "Amour"), dann ist das auch auf der Tonspur zu hören. Einen Score und auch dramatisierende Soundeffekte aber lehnt Haneke strikt ab.

Es gibt aber auch viele internationale Beispiele für den eher zaghaften Einsatz von Filmmusik. Alfred Hitchcock etwa wollte die von ihm konzipierte Duschszene in "Psycho" (1960) ursprünglich gänzlich ohne Musikuntermalung belassen, damit die Messerstiche besser zu hören wären. Die wurden übrigens durch Einstiche in eine Wassermelone erzeugt. Doch Komponist Bernard Herrmann konnte Hitchcock schließlich von seinem stakkatohaften Streicherstück überzeugen, das heute zu den bekanntesten Filmmusiken aller Zeiten gehört und Herrmann damals eine von Hitchcock persönlich gezahlte doppelte Gage einbrachte, weil der Regisseur mit dem Resultat so zufrieden war.

Dennoch blieb Hitchcock ein Skeptiker, was die emotionale Lenkung durch Filmmusik betrifft: Schon sein nächster Film "Die Vögel" (1963) kam gänzlich ohne Score aus - die Tonebene gehörte dem (künstlich erzeugten) Gekreische der angreifenden Vögel.

Auch andere verzichteten auf einen Score: Das "Blair Witch Project" etwa, "Targets" von Peter Bogdanovich, "No Country for Old Men" von den Coen-Brüdern, "Dog Day Afternoon" von Sidney Lumet, "M" von Fritz Lang oder "Cast Away" von Robert Zemeckis. Letzterer gewann dennoch einen Grammy, und zwar für das einzige Musikstück (Komponist: Alan Silvestri), das es im Film zu hören gibt: die Musik zum Abspann.

Auch die Gruppierung "Dogma95" rund um Lars von Trier verordnete sich Mitte der 90er Jahre musiklose Filme - Musik durfte nur als Teil der Handlung vorkommen, nicht aber nachträglich hinzugefügt werden.

Die Vermeidung eines Scores hat einen triftigen Grund, zumindest für Filmkünstler wie Haneke: "Filmmusik dient meistens nur dazu, die Fehler des Regisseurs zu kaschieren", findet er.