Claude Lanzmann vollendete sein Lebenswerk. - © epa/Langsdon
Claude Lanzmann vollendete sein Lebenswerk. - © epa/Langsdon

Im Jahr 1975 führte Claude Lanzmann im Zuge seiner Arbeit an dem Dokumentarfilm "Shoa" ein ausführliches Gespräch mit dem Wiener Rabbiner Benjamin Murmelstein (1905-1989), das schließlich aber nicht Eingang in "Shoa" fand, weil es den Rahmen gesprengt hätte. Jetzt hat Lanzmann das Material zu einer 220-minütigen Filmarbeit verdichtet, die ihre Uraufführung im Mai beim Filmfestival in Cannes erlebte. Im Zentrum des Interviews stand damals die recht ambivalente Rolle von Murmelstein als hochrangiger jüdischer Funktionär der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien zur NS-Zeit, die von Eichmann kontrolliert wurde. Auch ging es um Murmelsteins Zeit als "Judenältester" im Ghetto Theresienstadt. Für "Der letzte der Ungerechten" organisierte Lanzmann das Material neu und stellte es in einen Kontext zur Gegenwart. Lanzmann selbst führt durch den Film und entwickelt einen Essay über die Widersprüche, die die Person Murmelstein ausmachten.

Notwendiger Abstand


"Es war sehr schwierig, die richtige Form für diesen Film zu finden", sagt Lanzmann im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Shoa" war ein epischer Film über eine unglaubliche Tragödie, während dieser Film nun von ganz anderen Dingen berichtet." Erst mit dem Abstand von bald 40 Jahren war Lanzmann in der Lage, sich der Person Murmelsteins erneut anzunähern. "Mit zunehmendem Alter wurde es nicht mehr nur ein Bedürfnis, sondern eine Notwendigkeit für mich, den Film zu vollenden. Ich hatte Murmelstein eine ganze Woche lang interviewt, aber es wäre natürlich zu wenig für einen Film, einfach ein Interview zu zeigen. Deshalb drehte ich Szenen in Österreich, Polen und Italien, um eine Brücke ins Jetzt zu schlagen. Und weil es auch meine eigene Geschichte ist, entschied ich, selbst aufzutreten. Es gibt hier drei Protagonisten: Murmelstein, den jungen Claude Lanzmann und den alten Lanzmann. Wobei ich sagen muss: Ich fühle mich immer jung."

Für Lanzmann ist "Der letzte der Ungerechten" die Vollendung eines Lebenswerks. "Der Film zeigt die absolute Grausamkeit des Nazi-Regimes", so Lanzmann. "Noch viel stärker als ‚Shoa‘. Es geht um die Genesis der Endlösung. Innerhalb von nur zwei Jahren änderte sich die Politik damals von der öffentlichen Verfolgung der Juden hin zu den Massenmorden in den Gaskammern. So etwas nachzuvollziehen, ist sehr schwierig. Mein Film gibt meiner Meinung nach zum ersten Mal den Schlüssel dazu."