Es geht in den Filmen von Asghar Farhadi meist um die Familie, so auch in "Le Passé". - © Carole Bethuel
Es geht in den Filmen von Asghar Farhadi meist um die Familie, so auch in "Le Passé". - © Carole Bethuel

Wien. Für "Nader und Simin - eine Trennung" war der iranische Filmemacher Asghar Farhadi 2011 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet worden. Mit seinem neuen Film, "Le Passé", ist es wieder eine Familie im Kern, die als Katalysator für seine Verhandlung von zwischenmenschlicher Dynamik dient. Er habe die Geschichte eines Mannes erzählen wollen, der sehr weit weg von seiner Heimat ist, sagt Farhadi im Interview mit der "Wiener Zeitung", "in einer Stadt mit Geschichte".

"Le Passé" ist Farhadis erster Film, den er außerhalb des Irans gedreht hat, und Paris ist hier ein idealer Ort, an dem (Projektionen über die) Vergangenheit und Zukunft nahtlos ineinanderfließen. Natürlich kommt Farhadi damit aus, niemals auch nur ein typisches Paris-Bild zu zeigen, und das Haus von Marie (Berenice Bejo), der zentralen Frau in diesem Film, steht in der Banlieue, direkt an einer Bahntrasse. Auch dies kein Zufall: Gleise und Bahnhöfe sind hier ein Bild für das Fließen der Zeit, für ein Annähern und ein Sich-Entfernen, für Abschied und Ankunft: Nach vier Jahren kehrt Ahmad (Ali Mosaffa) aus dem Iran nach Paris zurück, weil seine französische Noch-Ehefrau Marie ihn gebeten hat, die Scheidung zu vollziehen. Sie hat inzwischen einen anderen Mann kennengelernt, Samir (Tahar Rahim), von dem sie ein Kind erwartet. Samir ist mit seinem kleinen Sohn bereits in das Haus von Marie und deren beiden Töchtern eingezogen. Doch als Ahmad ankommt, spürt er schnell, dass die Beziehung zwischen Marie und ihrer älteren Tochter Lucie (Pauline Burlet) aus diesem Grund angespannt ist, und bald wird er mit seiner besonnenen Art zum Katalysator des schwelenden Konflikts, der viel tiefer reicht, als man anfangs vermuten mag.

Asgher Farhadi orientiert sich an Ibsen. - © epa/Guillaume Horcajuelo
Asgher Farhadi orientiert sich an Ibsen. - © epa/Guillaume Horcajuelo

"Wiener Zeitung": Was interessiert Sie generell an der Familie als Kern Ihrer Filme?

Asghar Farhadi: Meistens bemerke ich erst, wenn ich eine Geschichte fertig habe, dass es schon wieder um Familien geht (lacht). Ich habe das Gefühl, darüber komme ich dem Publikum automatisch näher, weil es dabei um bekannte, universelle Erfahrungen geht. Die Familie wirkt oberflächlich betrachtet immer nur wie eine kleine Zelle, aber wenn man ein bisschen genauer schaut, geht es da immer um viel mehr. Es ist ein reichhaltiger Kosmos, um die Fragen zu stellen, die mich beschäftigen. Wenn man über die Familie spricht, kann man das auch immer irgendwie auf die Gesellschaft übertragen. Deshalb mag ich Ingmar Bergman so gerne, und Henrik Ibsen. Meine Erzählung spielt in der gleichen Konstellation. Die Beziehungen zwischen Mann und Frau, die Beziehungen zu ihren Kindern sind die ältesten überhaupt, auch wenn sie immer anders sind.