"Haben Sambuca getrunken und Gemeinheiten ausgetauscht": Burton und Taylor, 1967. - © Corbis/J. Andanson
"Haben Sambuca getrunken und Gemeinheiten ausgetauscht": Burton und Taylor, 1967. - © Corbis/J. Andanson

"Vom Kater erholt". Es mag allzu klischeehaft klingen. Aber das ist der erste Eintrag in "Richard Burton. Die Tagebücher". Richard Burton, dieser Charakterschauspieler, der doch vor allem durch seine turbulenten Ehen mit Elizabeth Taylor berühmt wurde. Darüber erschien im Vorjahr die Beziehungsbiografie "Furious Love" auf Deutsch. Die zeichnete ein sehr zärtliches Bild der "Ehe des Jahrhunderts" (so der Untertitel). Ein aussagekräftiges Zitat von Elizabeth Taylor ist da: "Wenn man beim Scrabblespielen geil wird - dann ist das Liebe, Baby."

Die Tagebücher, erschienen bei Haffmans Tolkemitt, setzen diese These fort. Auch was die Liebe zum Gesellschaftsspiel angeht - die teilte das Paar nämlich genauso wie die zum Hochprozentigen. Das Buch versammelt Journaleinträge aus den Jahren 1965 bis 1972 - da schrieb Burton am regelmäßigsten. Und es ist auch die interessanteste Lebensphase - 1964 heiratete er Taylor, die erste Ehe hielt bis 1974. Es sind also noch gute Jahre. Und sie beginnen mit Flitterwochen, in denen Dick und Liz ihre Passion für das Würfelspiel Kniffel entdecken.

Klarerweise ist das nicht ihre einzige Passion. Burton grübelt schriftlich, warum ihn Journalisten nie fragen: "Wie oft vögeln Sie Ihre fabelhafte Frau?" In vielen Facetten beschreibt Burton die Ehe mit Taylor, die er mit allerlei Kosenamen bedenkt, etwa "Dickerchen", "meine fette jüdische Hure" oder "Burt". Dass vor "Burt" die Tagebücher nicht nur nicht versteckt wurden, sondern sie auch rege daran teilnahm, zeigen Einträge von ihr. Etwa, wenn er ihr vorwirft, sarkastisch gewesen zu sein, worauf sie anmerkt: "Das muss, verdammt, gerade er sagen." Wenn es mal nicht so läuft, schreibt er: "Wir haben uns ein bisschen angeschrien, aber es war nichts Ernstes."

Der Säufer als Bildungsbürger


Dreharbeiten werden dokumentiert (leider ausgerechnet jene von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" nicht) und Oscar-Verleihungen, bei denen Burton wieder einmal nicht gewinnt. Auch Freunde des nostalgischen Tratsches kommen auf ihre Kosten. Denn Burton kommentierte seine Kollegen ungeniert, Mia Farrow könnte seiner Beobachtung nach "sieben Kilo" mehr vertragen und "sich die Haare wachsen lassen".

Burton, als Richard Walter Jenkins 1925 in Pontrhydyfen, Wales in eine arme Bergarbeiterfamilie geboren, präsentiert sich als ausgesprochen belesen. Er scheint es an einem Tag zu schaffen, mehrere Bücher auszulesen. Gerade bei seinem Alkoholkonsum (eine Zeit lang kam er auf drei Wodkaflaschen pro Tag) beachtlich. Doch Burton ist kein Literaturverschlinger, sie bleibt in seinem Kopf. Zitate von Dylan Thomas bis Shakespeare ziehen sich durch die Einträge - der Säufer als Bildungsbürger. Das erklärt auch seine Abneigung gegen seinen Beruf: "Ich verabscheue, verabscheue, verabscheue die Schauspielerei." Er hielt sie für geistlos und er konnte es nicht leiden, wenn er nicht geistreich war.

Alkohol ist ein treuer Begleiter, das Wort "besoffen" hat hier eine durchaus hohe Frequenz. Daneben macht er aber seiner Sorge um die Gesundheit seiner Frau, die munter Tabletten und Alkohol kombiniert, Ausdruck. Dafür hasst er die Ärzte. Nur Journalisten hasst er noch mehr. Aber seine eigene Rolle hasst er am meisten: "Es ist mir fast genauso peinlich, eine Person des öffentlichen Lebens zu sehen, wie es mir peinlich ist, eine zu sein." Mit ihren über 650 Seiten ist diese Tagebuch-Edition nichts, das man an einem Wochenende schnupft - nicht mal Burton hätte das geschafft. Lohnend ist sie trotzdem: Burtons Stil ist überraschend modern, ironisch, geschmeidig nachdenklich und sehr offen. Aber auch fantasievoll anschaulich: So beschreibt er Alkoholentzugserscheinungen: "Ich fühle mich so muffig wie ein halber Laib Brot im Mülleimer."

Und die richtige Dosis Vulgarität steuert er auch bei, wenn er etwa Nobeljuwelier Cartier verflucht, als er im Rennen um einen besonderen Diamanten für Elizabeth gegen Ari Onassis zu verlieren droht. Schließlich haben auch Anekdoten, wie man sie sich aus dem Leben der Reichen und Schönen nun mal rechtschaffen erwartet, Platz: "Ich fragte sie: ,Was machst du da, Pummelchen?‘ Wie ein kleines Mädchen und vollkommen ernst antwortete sie: ,Ich spiele mit meinen Juwelen.‘"