Stilisierte Gefahr am Plakat zu "All Is Lost": Robert Redford kämpft sich allein durchs Unwetter, das genügt für spannende Stunden. - © Constantin
Stilisierte Gefahr am Plakat zu "All Is Lost": Robert Redford kämpft sich allein durchs Unwetter, das genügt für spannende Stunden. - © Constantin

Internet-Wikis sind groß in Mode. Es gibt solche mit den Endungen -pedia oder -leaks, es gibt beispielsweise auch ein Salzburgwiki und ein WikiFeet, wo Fußfetischisten Fotos der Füße von Stars zusammentragen. Vanessa Hudgens hat mit 3693 Bildern die Füße vorn, dicht gefolgt von Selena Gomez mit 3031 Fotos.

Und dann gibt es noch ein Wiki-How. Dort lernt der ganz normale Mensch, wie man was macht. Also etwa, wie man im Kreis häkelt. Oder wie man Frostbeulen behandelt.

Weshalb wir das alles für diese Geschichte benötigen? Weil man bei Wiki-How auch erfährt, wie man einen Spielfilm mit nur einer Hauptfigur macht: Der Eintrag "How to Make a Movie With One Person" erklärt das in nur acht Schritten. Mal sehen.

Redfords beste Rolle


Möglicherweise ist der anonyme Verfasser des Beitrags ein junger Mann namens J.C. Chandor, oder er hat sich davon auch nur inspirieren lassen. Chandor hat nämlich einen Ein-Personen-Film gedreht, der heute, Freitag, in den Kinos anläuft: "All Is Lost" (Alles ist verloren) ist der treffende Titel für eine Geschichte, die mitten im Indischen Ozean spielt und einen namenlosen Einhandsegler dabei zeigt, wie er ein schwer havariertes Segelboot vor einem herannahenden Unwetter zu sichern versucht - und gegen die Naturgewalten selbstredend letztlich keine Chance hat. Weil Chandor klug ist, hat er einen alternden Superstar in der einzigen Rolle des Films besetzt: Robert Redford strauchelt sich mit 77 Jahren durch seine bisher forderndste und beste Rolle. Er ist ein in Seenot geratener Mann, der sich übernommen hat und ganz allein rausgesegelt ist, weil er von der Welt und ihrer Hektik genug hat. Ausgerechnet ein von einem Frachter gestürzter Container mit in Asien gefertigten Billigschuhen schlägt dem bekennenden Globalisierungsgegner ein Leck in den Kahn, und nun heißt es: Warten auf den sicheren Untergang. "Titanic" als Ein-Personen-Stück.

Punkt eins aus dem Wiki-How-Ratgeber hat Chandor schon früher beherzigt: Der lautet: "Wenn Sie allein sind, machen Sie doch eine Doku, denn dann haben Sie es leichter." In den 15 Jahren vor seinem viel beachteten Debütfilm "Margin Call" (2011) drehte Chandor tatsächlich Dokus. Und weil "Margin Call" von den Tagen vor dem unmittelbaren Ausbruch der Finanzkrise erzählte und von panischen Investmentbankern handelte, war wohl auch Punkt zwei aus Wiki-How für Chandor hilfreich: "Bitten Sie Ihre Eltern um Hilfe, sie werden Sie nicht hängen lassen." Chandors Vater arbeitete 30 Jahre für Meryll Lynch.

Das Monodrama, das er nun ersonnen hat, ist selten in Hollywoods Mainstream, jedoch keineswegs beispiellos. Erst in jüngerer Zeit gab es etliche Filme, die mit nur einem Hauptdarsteller auskamen, darunter etwa Robert Zemeckis’ "Cast Away" (2000) mit einem im Nirwana gestrandeten Tom Hanks oder Danny Boyles "127 Hours" (2010), in dem sich James Franco als verunglückter Kraxler den eigenen, eingeklemmten Arm mit einem Taschenmesser absäbelt. Auch Ang Lees "Life of Pi" (2012) spielte wie "All Is Lost" auf einem Nussschalenboot, nur war da noch ein hungriger Tiger mit drauf. In "Buried" (2010) von Rodrigo Cortés war der Handlungsspielraum von Ryan Reynolds höchst enden wollend - er lag 95 Minuten lebendig begraben in einem Sarg unter der Erde und wollte raus. Duncan Jones verfrachtete Sam Rockwell in "Moon" (2009) in eine verlassene Raumstation, nur unterstützt von seinem Computer Gerty, und Sandra Bullock flog erst jüngst taumelnd durchs All, weil ihr jegliche "Gravity" fehlte. Doch Bullock hatte wenigstens George Clooney zum Reden, das hat Redford in "All Is Lost" nicht. Er sagt den ganzen Film über kaum ein Wort, nur einmal kommt ihm ein "Fuck" über die Lippen, da ist seine Lage schon ziemlich aussichtslos.

Was man alles braucht für diese simplen Ein-Personen-Stücke, deckt Punkt drei des Wiki-How-Artikels ab: "Stellen Sie sicher, dass Sie vor dem Dreh alles haben, was Sie brauchen." Ganz schlau. Im Fall von "All Is Lost" waren das ein Segelboot und Redford, bei "Buried" ein Sarg und Reynolds, bei "127 Hours" ein Taschenmesser und Franco. Ein-Personen-Filme sind radikal, sowohl in ihrer Dramaturgie als auch in ihrer Ausstattung: Sie kommen dem neuen Sparzwang Hollywoods entgegen, der das Gros der Filme budgetär günstig halten soll. Man braucht für Ein-Mann-Dramen keine Megabudgets. "All Is Lost" kostete nur neun Millionen Dollar (vermutlich wegen der Windmaschinen und Redfords Gage), "Buried" kostete nur drei Millionen, aber da gab es ja auch keine Wellen.

Ums Überleben kämpfen


Punkt vier erklärt, wie man die richtige Story für ein Ein-Personen-Stück findet. Vorgeschlagen werden: 1. Brechen Sie in Ihr eigenes Haus ein und behaupten im Film, es wäre ein anderes Haus. Dafür braucht es kein Stativ, machen Sie einfach einen Film aus Ihrem Blickwinkel. 2. Drehen Sie einen Film, in dem die Figur in einem Haus aufwacht, ohne zu wissen, wie sie dahin kam und wie sie wieder rauskommt (die Türen sind verschlossen). Die Figur versucht zu fliehen. 3. Sie könnten auch einen Film über eine Figur machen, die sich durch die Wildnis schlägt: vielleicht vor einem Sturm oder einem Unwetter flüchtet, keinen Unterschlupf findet und ums Überleben kämpft.