Schematische Funktion haben die nachgestellten Szenen und Experimente im Film. - © Filmladen
Schematische Funktion haben die nachgestellten Szenen und Experimente im Film. - © Filmladen

Der Versuch, die Abgründe auszuloten, die sich in "ganz normalen" Menschen auftun können und sie zu Mördern werden lässt, ist auch im Kino eine der schwierigsten Aufgaben, psychologisch wie ästhetisch und ethisch. Sechs Jahre nach seinem Oscar für "Die Fälscher" wagt sich Stefan Ruzowitzky in seinem Doku-Drama "Das radikal Böse" (ab 17. Jänner im Kino) aber an genau das: Mittels Statisten, Archivmaterial und hinterlassener Schriften versucht er, die NS-Massenerschießungen filmisch zu fassen, "aus der Sicht der Täter", denn er gehöre selbst zur Tätergeneration, sagt Ruzowitzky im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Kein einfaches Unterfangen, denn selbst wenn hier unter anderem Psychologen die Dynamiken "erklären", die zum Beispiel zu jenen Massenerschießungen führten, die deutsche Polizeibataillone und Einsatzgruppen in Osteuropa anrichteten und dabei ein Drittel aller Holocaust-Opfer systematisch umbrachten, gibt es keine einfachen Antworten, und fast alle Bilder, die ein Film dazu finden kann, sind in gewisser Weise problematisch. Dennoch ist eine Motivforschung nicht verkehrt, und eine filmische Aufarbeitung dieser Zeit gerade auch nach Claude Lanzmann essenziell.

"Wiener Zeitung":"Das radikal Böse" ist für diesen Film speziell anhand der These von Hanna Ahrendt definiert, die es als extreme Form einer ohnehin im Menschen vorhandenen Anlage sieht. Wo positionieren Sie den Film hier?

Stefan Ruzowitzky: Der Film bezieht sich schon auf die frühe Definition von Hannah Ahrendt. Später hat sie den Begriff "banales Böse" in Bezug auf Eichmann und den Typus "Schreibtischtäter" verwendet, aber meine Täter sind ja keine Schreibtischtäter, sondern das sind die, die wirklich dort gestanden sind, den Abzug gezogen haben und einer Frau, einem Kind, einem Mann eine Kugel in den Schädel gejagt haben. Da reicht der Begriff des "banalen Bösen" nicht mehr aus. Hier ist es also schon wichtig zu definieren, dass es um etwas geht, das nie hätte passieren dürfen.

Stefan Ruzowitzky (52) am Filmset. - © Filmladen
Stefan Ruzowitzky (52) am Filmset. - © Filmladen

War es die Forschung nach der "Wurzel des Bösen", die Sie bei der Arbeit an diesem Film interessiert hat, oder eher die extremen Formen?

Ich wende mich, wie einer der Psychiater im Film ebenfalls, gegen das religiöse Verständnis des Bösen, das wie eine "Urkraft" plötzlich über uns kommen kann. Das Böse ist etwas von Menschen Gemachtes. Das ist unser Problem, aber auch unsere Chance. Denn wenn es von Menschen "gemacht" ist, kann es auch von Menschen "bekämpft" werden und man kann Maßnahmen setzen, damit dieses Böse nicht stark und übermächtig wird. Dieser Film hat ja auch dezidiert den Anspruch, zu analysieren, was damals passiert ist. Man analysiert, um allenfalls etwas dagegen tun zu können, sollte es wieder passieren.

Sind Sie durch Ihren Film "Die Fälscher" damals auf dieses Thema gekommen?

Bei der Recherche für "Die Fälscher" bin ich auf den Ansatz gestoßen, den Christopher Brown mit seinem berühmten Buch "Ordinary Men - Ganz gewöhnliche Männer" initiiert hat. Das war ein Ansatz, der mir sehr entgegengekommen ist, weil es in der historischen Aufarbeitung hier nicht nur darum geht, wer hat was wann und wo gemacht, sondern auch: warum. Wie ist das passiert, dass da aus einer Gruppe von ganz normalen, netten, guten, jungen Männern plötzlich Massenmörder werden, denen es offensichtlich nichts ausmacht, im Akkord unschuldige Menschen, Frauen, Kinder zu ermorden.

Nicht nur die Verbrecher-Generation ist fast ausgestorben, auch die der Zeitzeugen. Hier denke ich an Claude Lanzmann, der soeben mit "Der Letzte der Ungerechten" in gewisser Weise seinen (Über-)Lebensfilm "Shoa" zu Ende geführt hat. Was muss eine Filmemacher-Generation nach Lanzmann leisten?

Ich bin im Gegensatz zu Lanzmann der Nachfahre der Täter. In meiner Familie wurde nicht die Hälfte umgebracht, sondern ich habe die Großeltern, bei denen die Ahnenpässe herumliegen und die sich damals eines jeden Gesprächs verweigert haben.

"Shoa" war in seiner Zeit der richtige Film und die richtige Herangehensweise, und das hat mich sehr beeindruckt. Dass man jenen, die den Holocaust geleugnet haben, beizukommen suchte, indem man Zeitzeugen vorbrachte. Zu sagen: Hier, das sind Menschen, die haben das miterlebt, die können aus erster Hand davon berichten. Genauso glaube ich aber, dass man jetzt einen anderen Zugang finden muss, weil die Zeitzeugen nicht mehr da sind, andererseits aber auch das Publikum ein anderes ist.

Wir heutigen Österreicher sind aber nicht mehr die Täter, wir sind die Erben der Täter, was genug an Verantwortung bedeutet. Man muss eine nachgeborene Generation einladen, sich für diese Dinge zu interessieren. Meine 16-jährige Tochter zum Beispiel ist mehr als 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs geboren. Das ist länger, als ich nach Ende des Ersten Weltkriegs geboren bin. Daran kann ich ermessen, wie weit weg dieses Thema für sie sein muss.