"Wir sind ganz normale Menschen. Wir sind besorgt, wir sind verärgert" - lautstarke Proteste. - © Stadtkino
"Wir sind ganz normale Menschen. Wir sind besorgt, wir sind verärgert" - lautstarke Proteste. - © Stadtkino

Die Empörung wird zuerst geflüstert, als eine Stimme aus dem Off die Ausgangslage für Arash und Arman T. Riahis Film vorgibt: "Wir sind ganz normale Menschen. Wir sind besorgt, wir sind verärgert." Ob "Indignados" (Empörte), die in Spanien etwa gegen Delogierungen angehen, Aktivistinnen von Femen, die ständig auf der Flucht sein müssen, oder Wutbürger in Deutschland, die wie jene in New York eine Occupy-Bewegung starten: Menschen wehren sich überall, und das zu Recht.

Dass ein volles Verständnis von Demokratie auch das Recht auf Rechtseinforderung einschließt, ist nicht neu, dass immer mehr Bürger aktiv - doch mit gewaltlosen Mitteln - darauf bestehen, schon. Die Revolte gegen Diktaturen ist dabei nicht einmal der Fokus - es sind gerade heutige Demokratien, in denen Machtverhältnisse eklatant missbraucht werden und in denen es oft länger dauert, bis die Bevölkerung ein Bewusstsein dafür geschaffen, geschweige denn Aktionsstrategien entwickelt hat. Meistens, wenn die Welt von (erfolgreichen, weil gewaltlosen) Rebellionen hört, dann zu einem Zeitpunkt, als diese schon kurz vor ihrem Ende stehen, das erfährt man auch im Film. Dass diesen Bewegungen Jahre oder gar Jahrzehnte verdeckter Proteste vorausgingen, wissen oft die Wenigsten.

Filme über Revolten sind sehr oft entweder selbst "räudige" Zeitzeugnisse, die sich ähnlicher anarchistischer (Bild-)Sprache und Form bedienen, um der Energie eines Aufstands zu entsprechen - oder sie heben sich darüber hinweg, hängen an den Lippen von "talking heads" und behaupten Wissen mit dem Vorsprung der Gegenwart, in der Weisheit der Retrospektive.

Die Riahis sind emotionale Filmemacher und sie verstecken das nicht, fallen ihrer eigener Motivation aber in diesem Film auch nicht anheim. Vielmehr beziehen sie ihre Position im Herzen der Idee eines Fairness-Instinkts, dem der Impuls genügt, und finden eine nahezu perfekte Balance emotiver Bilder und informativer Inhalte. Das Flüstern aus dem Off ist im Film mehr als nur das bindende Element zwischen Moment-Aufnahmen, kurzen Interviews und Sequenzen geprägt von einer gewissen "Zeitgeist-Atmosphäre", die in ihrer Ästhetik hier auch ein Leitmotiv spiegelt: das (schöne) Ideal der Konspiration, den Glauben an die Möglichkeit einer Gemeinschaft, ja, das Vertrauen auf Solidarität.

Wenn der Film einem syrischen Revolutionär begegnet, der mittlerweile aus einem Flüchtlingslager seine Drohnen des Widerstands (mit Anti-Assad-Parolen bemalte Tischtennisbälle) verschickt, ist der erfinderische Umgang mit Revolutionsmethoden besonders einnehmend. Wenn er ans Iran-Tribunal in Den Haag führt, das die Folter und die Ermordung politischer Gefangener öffentlich macht, wird deutlich, wie unterschiedlich hoch die Risken für Widerstand sind.

Als Teil eines global vernetzten Social-Media-Projekts versteht sich dieser Film bewusst als "Anleitung zur gewaltfreien Rebellion"; was aber nach der erfolgreichen Revolte kommt, dass dann womöglich die Strukturen fehlen, um die positiven Veränderungen fortzuführen, zeigen die Riahis nicht. Doch wichtig ist erst einmal, diese Entwicklungen überhaupt zu beginnen. Frei nach Camus: "Was, überhaupt, ist ein Rebell? - Jemand, der Nein sagt."

Dokumentation

Everyday Rebellion

Regie: Arash & Arman T. Riahi.