• vom 01.04.2014, 17:53 Uhr

Film

Update: 01.04.2014, 21:50 Uhr

Im Zweifel schuldig

Unschuldig schuldig




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Von Matthias Greuling

  • Die Doku "Im Zweifel schuldig" zeigt, dass Gerechtigkeit oft kaum Chancen gegen die Justiz hat.

Rob Warden (l.) und Sage A. Smith vom "Center of Wrongful Convictions" wollen Unschuldige aus den Gefängnissen bringen. - © K. Sartena

Rob Warden (l.) und Sage A. Smith vom "Center of Wrongful Convictions" wollen Unschuldige aus den Gefängnissen bringen. © K. Sartena

Wien. In den USA sitzen 30.000 Häftlinge hinter den Eisengittern der Staatsgefängnisse, ohne ein Verbrechen begangen zu haben. Marcus Wiggins ist einer davon. Er sitzt seit 14 Jahren wegen eines Mordes, den er nicht begangen hat. Davon sind die Mitarbeiter des "Center of Wrongful Convictions" (CWC, Zentrum für Fehlurteile) überzeugt. Die Organisation ist Teil der Northwestern University in Chicago und hat es sich zur Aufgabe gemacht, unter reger Beteiligung von Studenten alte zweifelhafte Verbrechensfälle neu aufzurollen. Die Doku "Im Zweifel schuldig" (ab Freitag im Kino) des Österreichers Axel Breuer beobachtet die Arbeit der Studenten, die versuchen, Klarheit in den Fall Wiggins zu bringen.

"Es ist extrem schwer, einen alten Fall neu aufzurollen. Man muss viel Geduld haben und auch sehr detailliert recherchieren. Das dauert oft Jahre", sagt Rob Warden, Direktor des CWC, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Man muss neue Beweise finden. Im Fall von Wiggins gibt es zwei Zeugen, die ihre belastenden Aussagen von einst widerrufen haben, aber wir bezweifeln, dass das reicht, um den Fall neu aufzurollen. Schafft man es bis vors Gericht, hat man nur eine Chance."


Wiggins wurde mit 21 nach einer Schießerei in der Nachbarschaft als Täter verhaftet. Doch das CWC glaubt an seine Unschuld: Wiggins, der zuvor schon wegen Mordes verurteilt, kurz darauf aber wieder freigesprochen wurde, weil ihn die Polizei von Chicago mit Folter zu einem Geständnis gezwungen hatte, klagte daraufhin die Polizei. Im aktuellen Fall spricht nun vieles dafür, dass sich die Polizei an ihm rächen wollte und ihn erneut für einen Mord verhaftete, den er nicht begangen hatte. "Im Zweifel schuldig" zeichnet dieses Schicksal mit großer Akribie nach.

"Es gibt in der US-Rechtssprechung immer wieder krasses Fehlverhalten der Staatsanwaltschaften und das bewusste Zurückhalten entlastender Beweise", erzählt Warden. "Um das System zu reformieren, müssten die Gerichte zurückgezogene Zeugenaussagen und neue Beweislagen ernster nehmen."

Robin Hood im Knast
Warden wird bei seinem Wien-Besuch zur Filmpremiere von einem weiteren Justiz-Opfer begleitet: Sage A. Smith, heute Leiter der Klientenbetreuung des CWC, saß ebenfalls unschuldig. "Ich wurde wegen Mordes verurteilt. Wenn man in Illinois an der Planung eines Verbrechens mitwirkt und eine andere Person führt diese Planung dann durch, ist man automatisch auch schuldig", erklärt Smith. "In meinem Fall gab es bei dem geplanten Raubüberfall, bei dem ich aber nicht dabei war, dann leider Schüsse und einen Toten. Ich wurde daher zu 5200 Jahren Haft verurteilt." Smith saß 27 Jahre, ehe man ihn mühselig freibekam. "Sage war Mitglied der Black Panther Party", sagt Warden. "Diese Leute wollten das Vermögen sozusagen ‚umverteilen‘ - die Reichen bestehlen und es den Armen geben. Wie Robin Hood."

Das Gefängnis kann als Hort des Verbrechens auch ein Geschäft sein. "Man baut Gefängnisse gern in ländlichen Gebieten. Steht es erst mal, muss es gefüllt werden. Die Strafrahmen werden ausgeweitet. Wenn ein kleiner Ort mit 700 Einwohnern ein Gefängnis errichtet, in dem 3000 bis 4000 Insassen untergebracht werden, dann darf die Gemeinde diese Häftlinge als Einwohner rechnen und erhält somit mehr Fördermittel vom Staat", sagt Smith. "Das ist pervers."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-04-01 17:56:06
Letzte Änderung am 2014-04-01 21:50:04


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