Solothurn. Es gibt kaum einen Schauspieler, der, seit man denken kann, gleich aussieht. Zumindest die letzten drei Jahrzehnte hat sich Mario Adorf mit seinem vollen, weißen Haar und seinem ebenso vollen, weißen Bart in das Gedächtnis von Millionen Fernseh- und Kinozuschauern eingebrannt. Dieser Look macht ihn einzigartig, und bis heute gilt der 83-Jährige als beliebtester Schauspieler im deutschen Sprachraum. In seinem neuen Film "Der letzte Mentsch" (ab 9. Mai im Kino) spielt er einen Juden, der seine Herkunft zeit seines Lebens geleugnet hat, im Alter aber nun zu seinen Wurzeln stehen will. Allein: Niemand glaubt ihm, dass er Jude ist - es fehlen ihm schlichtweg die Beweise. Also unternimmt er mit einer jungen Deutschtürkin (Katharina Derr) eine aufschlussreiche Reise in seine Heimat Ungarn.

Zum Gespräch im schweizerischen Solothurn empfängt Adorf die "Wiener Zeitung" klassisch elegant, mit exakt gescheiteltem Haar und frisch gestutztem Bart. Wie immer eigentlich.

"Wiener Zeitung": Herr Adorf, in "Der letzte Mentsch" wollen Sie beweisen, dass Sie Jude sind, aber niemand glaubt Ihnen.

Mario Adorf: Ich spiele einen Überlebenden des Holocaust, der sich nicht an die Gräuel erinnern wollte, die er gesehen hatte. Das war seine Therapie - das Vergessen. Das ist eine Art der Verdrängung, die wir in Deutschland ja oft finden. Weil er den Beweis antreten will, dass er Jude ist, fährt er zurück in seine Heimat, begleitet von einer jungen Frau. Hier treffen zwei Generationen aufeinander - das ist ein wichtiges Thema, denn ich stelle mir immer wieder die Frage, wie man junge Menschen für das Thema Holocaust interessieren kann.

Gibt es eine mediale Übersättigung zum Thema Holocaust?

Ja, sicher. Denn es wird unermüdlich versucht, dass das Vergessen nicht stattfindet. Die Jugend dafür zu gewinnen, ist schwer. Man darf nicht vergessen. Wenn vergessen wird, dann kann alles wieder passieren.

In Ihrer Rolle kommt es sehr darauf an, die Gefühle der Verdrängung zu zeigen. Müssen Sie als Schauspieler die Gefühle, die Sie spielen, auch selbst kennen?

Das Einzige, was man dazu braucht, ist Alter. Und das habe ich inzwischen.

Aber Sie waren ja auch mal ein junger Schauspieler. Woraus schöpfen Sie, wenn Sie eine Rolle anlegen?

Ein Schauspieler lebt wie ein Maler zuallererst von der Beobachtung. Ich kann nur glaubhaft darstellen, was ich in meiner Lebensumgebung beobachte. Ich habe in diesem Fall versucht, mich in meine Figur hineinzudenken, und nicht, wie viele andere Schauspieler das tun, die Rolle möglichst nah an sich heranzuführen. Sie schalten damit jegliche Distanz zur Figur aus. Ich war immer für die Distanz. Ich bin Brecht-geschult, das heißt: neben der Rolle stehen, genau wissen, was man tut, und nicht die - manchmal gelobte - Identifizierung zu einer Rolle herzustellen. Das heißt: Beobachtung, angereichert mit Fantasie, verdaulich gemacht durch die Spielfreude. Das ist die Vorbereitung für mich.

Sie brauchten Jahre, die Rolle des Mörders von Winnetous Schwester loszuwerden. Auch sonst hat man Sie oft in zwielichtigen Rollen gesehen. Dann kamen Rollen bei Schlöndorff und Fassbinder.

Wenn man wie ich vom Theater kommt, spielt man viel lieber die bösen, zwielichtigen Gestalten. Jeder spielt lieber den Jago als Othello. Ich habe eine Vorliebe für Charakterrollen. Bösewichter gibt es eigentlich keine. Bei Schlöndorff war es auch wieder ein zwielichtiger Kommissar in "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", in der "Blechtrommel" ein naiver Nazi-Mitläufer. Bei Fassbinders "Lola" dieser skrupellose, aber nicht humorlose Baulöwe. Ein bisschen Humor habe ich gern.

In "Kir Royal" konnten Sie zeigen, dass ein Komödiant in Ihnen steckt.

Ich habe schon als junger Mann am Theater komische Rollen gespielt. Aber der Generaldirektor in "Kir Royal" war ein echter Höhepunkt. Komödie gehörte immer zu meinem Repertoire.

Stimmt es, dass Francis Ford Coppola Sie für den "Paten" engagieren wollte?

Ja, ich dachte, er hätte eine große Rolle für mich, aber tatsächlich war es nur eine sehr kleine. Die wollte ich nicht und habe abgesagt. War vielleicht ein wenig voreilig und unklug, aber damals sah ich das so, und ich habe Verständnis für meinen Charakter.

Was haben Sie noch abgelehnt?

Ich habe auch einmal eine Rolle bei Billy Wilder abgelehnt, in "Eins, zwei drei". Ich bekam von ihm 16 Jahre später allerdings noch mal eine Chance. Er besetzte mich in "Fedora", und das war eine sehr schöne Begegnung.

Man hat Sie oft als einen Italiener besetzt, oder in den USA als Mexikaner.

In Italien besetzte man mich immer als Italiener, mit einer Ausnahme, als ich einmal einen deutschen Offizier in einer italienischen Produktion spielte. Sonst hatte ich das aber immer abgelehnt. Ich wollte nicht "der Deutsche" sein. In Amerika nannte man die deutschen Schauspieler auch die Hunnen, weil sie groß und blond waren. Hardy Krüger oder Curd Jürgens haben dort als Nazi-Offiziere Karriere gemacht. Wenn man aber wie ich oder auch Horst Buchholz dunkelhaarig war, dann musste man über die mexikanische Hintertür in den amerikanischen Film.