Paris. Martin Provost sagt, er hasse Filmbiografien. All der Kitsch und all die Imitation längst vergangener Zeiten. Dabei ist gerade seine Filmografie gespickt mit Bio-Pics: Mit "Violette" hat der 1957 in Brest geborene Franzose nun das Leben der hierzulande nicht allzu bekannten Schriftstellerin Violette Leduc verfilmt. Schon 2008 hatte er die Malerin Séraphine Louis porträtiert, der Film mit dem Titel "Séraphine" erhielt damals sieben Césars, Hauptdarstellerin Yolande Moreau bekam dutzende Ehrungen. Wieso Provost von seinen Filmen sagt, sie seien gar keine Biografien, erläuterte er uns beim Gespräch in Paris.

Martin Provost , Regisseur von "Violette". - © Katharina Sartena
Martin Provost , Regisseur von "Violette". - © Katharina Sartena

"Wiener Zeitung": Monsieur Provost, Sie haben nach "Séraphine" nun erneut einen Film über eine Künstlerin gedreht: "Violette" erzählt von der Schriftstellerin Violette Leduc und ihren Weg in die Kunstwelt. Warum interessieren Sie solche Persönlichkeiten?

Martin Provost: Diese beiden Filme gehören eigentlich zusammen und sind auch in einem Ideen-Vorgang entstanden, denn Violette Leduc hat einmal einen Text über Séraphine Louis geschrieben, den ich mit großem Interesse gelesen hatte, bevor ich "Séraphine" drehte. Ich wusste sofort, mein nächster Film würde von Violette handeln. Was beide Filme gemeinsam haben, ist ihr Fokus auf den Künstler und den Prozess seiner Arbeit. Das interessiert mich mehr als die biografischen Fakten. Beide waren sehr unterschiedliche Frauen: Séraphine war viel naiver als Violette. Ihre Entscheidung, mit dem Malen zu beginnen, war eine Bauchentscheidung. Violettes Weg in die Schriftstellerei war sehr viel komplexer, denn sie war sich der Hindernisse bewusst, die sie für eine Künstlerkarriere überwinden würde müssen. Beide Filme zeigen auch die Geschichte des Frauseins vor dem jeweiligen historischen Hintergrund. Wir sprechen ja vom 20. Jahrhundert, das für Frauen so ziemlich alles verändert hat.

In "Violette" erzählen Sie auch von der Beziehung zwischen Violette Leduc und ihrer Mentorin Simone de Beauvoir. Was denken Sie, in welchem Maß haben die beiden einander beeinflusst?

Als Simone de Beauvoir das erste Mal einen Text von Violette Leduc in Händen hielt, wusste sie sofort, dass es sich um eine Schriftstellerin mit großem Potenzial handelte. Und auch, dass Leduc das Schreiben auf einer stilistischen Ebene beherrschte. Stil ist in der französischen Literatur überaus wichtig. Ich denke da nur an Marcel Proust und die Unmengen von Zeit, die er aufwand, um gewisse Sätze zu formulieren, damit sie den richtigen Klang erhielten. Leduc und de Beauvoir unterschieden sich aber in ihrem Stil grundsätzlich: Leduc selbst sagte, sie würde mehr durch ihre Sinne schreiben, während de Beauvoir einen intellektuelleren Zugang dazu hatte. Ihr Einfluss auf Leduc bestand daher mehr darin, sie zu führen und ihr Mut zu machen, es mit ihrer Schriftstellerei immer weiter zu treiben. De Beauvoir verstand Leduc auch als Vorkämpferin, die sich schon Mitte des 20. Jahrhunderts traute, sehr offen über Abtreibung und Sexualität zu schreiben. Das Verhältnis war ähnlich dem eines Verlegers zu seinem Autor. Ich denke, es gab auch einen Einfluss von Leduc auf De Beauvoir: Letztere tat sich mit dem Schreiben immer leicht, es machte ihr keine Mühe, während Violette sich dem Akt des Schreibens schon mit einer eher kindlichen Scheu näherte. Aber es gibt ein kleines Buch von Simone de Beauvoir, "Une mort très douce" (Ein sanfter Tod, 1964), das viele als ihr bestes bezeichnen, und dieses Buch ist komplett im Stil von Violette Leduc verfasst.

Wie verhindern Sie, dass man in einem Bio-Pic auf die historisch-verklärte Kitsch-Schiene gerät?

Ich hasse das! Deshalb empfinde ich "Violette" auch gar nicht als Bio-Pic, sondern als einen Film über den Prozess des kreativen Erschaffens, speziell in der Literatur. Da ich selbst schreibe, wusste ich genau, wovon ich hier erzähle. Die Literatur ist eines der besten Werkzeuge, die es gibt, um Wissen und Gefühle zu transportieren. Ich wollte den Weg in diese Kunst beschreiben, nicht das Leben der Protagonistin. Das überlasse ich anderen.