Jerusalem. Während ich mit Eli spreche, sieht er dauernd auf sein Handy. Er schreibt Kurznachrichten mit der Hamas, hauptsächlich über deren Facebook-Account, aber auch über ihren neu eingerichteten SMS-Dienst, den er wie viele Israelis abonniert hat. "Liebe Hamas, ich hab‘ morgen in Tel Aviv um 11:30 ein wirklich sehr wichtiges Meeting. Könntet ihr eventuell geplante Raketenabschüsse bitte auf den Nachmittag verschieben? Danke, nichts für ungut", hat eine Freundin von ihm der Terrorgruppe gerade getextet. Sie meint das nicht ironisch.

Wir sitzen in einem schönen, schattigen, ruhigen Garten, den die in einen ockerfarbenen Fels gebaute Jerusalemer Cinematheque freigibt. Vor allem während des jährlich stattfindenden Internationalen Film Festivals kommen viele junge Leute her. Von hier aus überblickt man ein weites Tal, in dem Ziegen weiden. Irgendwo in dieser Gegend wurde einmal Wasser in Wein verwandelt, heißt es. Nun sitzt der arabische Hirte auf der Mauer der Cinematheque und nimmt von einem der israelischen Garten-Baristas durch den Zaun seine tägliche Flasche Bier entgegen. Es ist heiß. Es ist surreal.

Wenige Tage sind seit Beginn der Operation "Protective Edge" vergangen, die der Eskalation nach der Ermordung dreier Israelischer Jugendlicher und dem prompten Racheakt, der Ermordung eines palästinensischen Jungen, folgte. Auge um Auge, Zahn um Zahn - vieles in Stein Gemeißelte gilt hier noch immer.

Mit dem Cappuccino in den Luftschutzkeller

Eine Sirene heult jetzt: Eli nimmt seinen Cappuccino-Becher und steht auf. Mit den anderen gehen wir ins Gebäude, die Stufen zu den Archiven hinunter, tiefer in den Berg hinein. Die Leute unterhalten sich, manche lachen, verteilen sich auf die Schutzräume, um zu warten, bis der Raketenalarm verstummt. Zehn Minuten sollte man mindestens ausharren, aber wir alle gehen schon früher wieder nach oben. Da ertönt die Sirene erneut.

Es ist mein erster Bombenalarm und er hat wenig mit dem Schreckenszenario zu tun, das ich mir für solche Situationen ausgemalt hatte. Das beunruhigt mich. - Wie kann alles so gelassen ablaufen? Wann genau wurde dieser Krieg zum Alltag? Ich spüre einen Zynismus, Eli und alle hier spüren, wie er ihre Hoffnung zersetzt. Schlimmer noch: Er gibt ihrer wachsenden Apathie ein intellektuelles Zuhause.

In Jerusalem und in der Cinematheque im Speziellen befinde ich mich an einem in gewisser Weise privilegierten Ort. Wir sind hier nicht im Süden des Landes, wo die Bewohner permanent mit Raketenalarm zu tun haben und wo sich die Funktion der mittlerweile zehn "Iron Domes", mit denen das israelische Militär palästinensische Raketen schon in der Luft abfangen kann, besonders deutlich zeigt.

Doch auch in Jerusalem und natürlich in Tel Aviv hat fast jeder eine Alarm-App auf seinem Handy installiert. Aber ebenso wie in Palästina folgt man nicht nur der Hamas auf Facebook, sondern auch der israelischen Armee auf Twitter. Über seinen IDF-Account warnt das Militär vor bevorstehenden Raketenangriffen in Gaza, um den Menschen Zeit zu geben, ihre Häuser zu räumen und zu flüchten. Wohin aber sollen sie denn?

Wie Twitter und Facebook hier zu Instrumenten der Kriegsführung geworden sind, unterstreicht die Absurdität der Situation. Nicht nur einmal während dieser Tage in Israel wache ich morgens auf und denke, ich hätte das alles doch nur im Radio gehört, wie aus dem Traum eines fanatischen, vor allem aber einfallslosen Moralisten, der sich beim Schreiben einer bitteren Farce im Kreis dreht.

Hehre Wünsche ratloser Menschen in der Komfortzone

Zur Halbzeit des Filmfestivals berufen einige israelische Regisseure eine Pressekonferenz ein. Sie fordern einen Waffenstillstand mit Palästina. "Israel soll die Angriffe auf Gaza stoppen", sagen sie. Von der internationalen Presse wird die Kundmachung gefeiert, die israelischen Kollegen reagieren viel nüchterner und ich glaube, zum ersten Mal einen Bruchteil davon zu verstehen, was mir unbegreiflich bleibt. Wie viele andere, die es unterstützen, dass das Filmfestival unter der neuen Leitung der toughen, jungen und entschlossenen Noa Regev gerade auch in diesen Tagen stattfindet, um nicht zuletzt einen Ort für Reflexion zu schaffen, komme ich nicht umhin, auf dem Podium jener Pressekonferenz eine Handvoll passiv-ratloser Menschen zu sehen, die zwar hehre Wünsche hegen, aber trotzdem ihre eigene Komfortzone nicht verlassen wollen.

Reicht es denn, ein paar Sätze zu formulieren und einen offenen Brief zu unterschreiben? Müssten sie - aber auch wir alle - nicht längst auf den Straßen sein und lautstark demonstrieren? Müssten denn nicht alle, die wirklich Frieden wollen, so lange streiken, bis Frieden herrscht? Auf beiden Seiten? Kein Betrieb mehr, völlige Lahmlegung, Solidarität - klingt das absurder, als den Krieg in den Alltag zu integrieren?

Später am Abend findet in Jerusalem ein Konzert statt und alle tanzen ausgelassen. Sie wollen leben. Ich fühle mich traurig. Wenn diese Leute sagen, Israel solle die Angriffe stoppen, dann, weil sie wissen, dass ihr Militär den Palästinensern überlegen ist. Soviel Fairness muss wohl sein.