Locarno. Die Schweiz leistet sich - im Gegensatz zu Österreich, aber trotz vergleichbarer Größe - einige Filmfestivals von internationaler Strahlkraft: Da gibt es neben den Schauen in Zürich, Nyon oder Solothurn auch das A-Festival von Locarno im Tessin, das in einer Reihe mit Cannes, Berlin und Venedig steht. Auch, wenn es vergleichsweise das kleinste der "Wichtigen" ist. Locarno feiert die Filmkunst, doch auch hier gibt es immer wieder breitenwirksames Kino zu sehen.

Alice Braga, brasilianischer Filmstar, Hollywood-Export und Nichte von Sonia Braga ("Der Kuss der Spinnenfrau"), kennt die Dynamiken zwischen Kunst und Kommerz: Sie wurde durch "City of God" von Fernando Meirelles bekannt, erspielte sich dann aber auch viele Fans in US-Blockbustern wie "I Am Legend" oder zuletzt "Elysium".

Beim Filmfestival von Locarno entscheidet sie heuer als Teil der Jury, welcher Film am 16. August den Goldenen Leoparden gewinnt; doch sie ist auch als Botschafterin ihrer Heimat vor Ort: Brasilien ist im Jahr der WM in aller Munde, und das Festival widmet dem Land eine Sonderreihe. Mit der "Wiener Zeitung" sprach Alice Braga schon vor dem Festival.

"Wiener Zeitung": Ist der Job als Jury-Mitglied bei einem Festival eine Angelegenheit, die einen reizt?

Alice Braga: Ich mag die Idee, über gesehene Filme zu debattieren, das finde ich inspirierend. Ich war noch nie in Locarno, bin mir aber der Bedeutung des Festivals im Festivalzirkus bewusst. Natürlich ist es schwierig, Filme in einer Jury zu beurteilen, in der jeder seine eigene Meinung hat.

Finden Sie denn, dass man Filme überhaupt einem Wettbewerb aussetzen sollte? Dass man sie vergleichen sollte?

Das ist schwierig. In meiner Heimat Brasilien versteht man die Wichtigkeit von Filmfestivals, weil wir eine große Arthaus-Szene haben, aber keine Blockbuster. Für die Filmemacher sind die Festivals daher die wichtigste Ausstellungsmöglichkeit. Beim Beurteilen von Filmen folge ich immer meinem Herzen und meinem Bauchgefühl. Denn anders lassen sich Filme auch nicht vergleichen, weil es keinen Standard gibt, dem man der Beurteilung zugrunde legen könnte.

Wie ist die Situation der Filmschaffenden in Brasilien?

Ich habe gerade einen Independent-Film fertiggestellt, an dem ich seit vier Jahren mitgearbeitet habe. Der Regisseur arbeitete sechs Jahre daran. Das kann schon sehr anstrengend sein, wenn man ein Projekt so gerne umsetzen würde, aber immer wieder an der Finanzierung scheitert.