Gerät auf das falsche Lebensgleis: Sara Forestier in dem neuen Film "Suzanne". - © Thimfilm
Gerät auf das falsche Lebensgleis: Sara Forestier in dem neuen Film "Suzanne". - © Thimfilm

Wenn Sara Forestier den Mund aufmacht, dann hört sie lange nicht mehr auf zu reden. Sie spricht viel, ist aufgeweckt und kess. Die 27-jährige Französin ist seit gut zehn Jahren im Geschäft: Damals, 2003, entdeckte sie Abdellatif Kechiche, der Gewinner der Goldenen Palme von Cannes für "La vie d’Adèle", für seinen Film "L’esquive": Da spielte sie ein rotzfreches Mädel aus der Wohnsilo-Siedlung am Pariser Stadtrand, das eines am besten kann: reden. Sie schnattert wie aufgezogen - ein ungezügeltes Energiebündel wie aus dem Bilderbuch.

Die Charaktere aus ihren Filmen scheinen allesamt ein wenig überdreht, sei es nun die attraktive Bahia in "Der Name der Leute", die als quirlige Aktivistin ältere Herren wie Jacques Gamblin mit viel Nacktheit betört, sei es die liebes- und leidenschaftshungrige Frau aus "Love Battles", die sich mit ihrem Liebhaber nackt im Schlamm wälzt, oder sei es die ambivalente Gefühlslandschaft ihrer Suzanne aus dem gleichnamigen Film, der am Freitag in unsere Kinos kommt: Forestier spielt ihre Parts mit einer großen Leidenschaft, und auch: mit einer Rücksichtslosigkeit sich selbst gegenüber. Denn nie hat man als Zuschauer das Gefühl, die junge Frau würde sich um die Art ihrer Erscheinung auf der Leinwand auch nur einen Millimeter kümmern. Was die Rolle fordert, spielt sie.

"Auf die Wellen aufspringen"


"Suzanne kann ihr Leben nicht wirklich auf die Reihe kriegen und lebt in einem geistig sehr melancholischen Zustand. Sie wartet darauf, dass etwas kommt, das ihre Leere füllt. Als Schauspieler ist es unsere Aufgabe, sich in die jeweilige Figur hineinzudenken und dann diese Figur zu sein. Dann braucht die Kamera das nur mehr aufzuzeichnen." So sieht das eine Schauspielerin von Format. Zwei Césars, das französische Pendant zum Oscar, geben ihr recht. Kaum ein Kollege hatte in diesem Alter mehr als eine dieser Trophäen gewonnen.

"Suzanne" ist die Geschichte einer Freiheitsliebenden: Mit 17 Mutter geworden, driftet Suzanne aufs falsche Gleis ab, als sie den Kleinkriminellen Julien (Paul Hamy) kennenlernt. Ihrem sonst so zuverlässigen Bauchgefühl misstraut sie plötzlich und folgt Julien in eine ungewisse Zukunft.

Sara Forestier ist eine Schauspielerin, die ihre Figuren in sich "aufsaugt": "Nicht alles steht im Drehbuch. Ich denke lange über Figuren und die Struktur des Drehbuchs nach. Man muss auf die Wellen aufspringen, die einem das Drehbuch bietet, denn tut man das nicht, versaut man den Film."

Damit das nicht passiert, geht Forestier vor jeder neuen Rolle erst einmal in sich: "Je näher die Dreharbeiten rücken, desto tiefer tauche ich in meine Figuren ein: Ich probe dann schon im richtigen Kostüm, mit dem richtigen Make-up und der richtigen Frisur. Ich habe einen sehr physischen Zugang zum Schauspiel. Wenn ich drehe, geht es eigentlich nur mehr um die richtigen Bewegungen vor der Kamera, denn alles andere habe ich verinnerlicht. Das Wichtigste für mich ist: Ich muss immer glauben, dass das, was ich vor der Kamera tue, der Wahrheit entspricht."

"Keine Vorbilder"


Vielleicht kommt Sara Forestier deshalb so authentisch rüber im Kino, auch wenn viele ihrer Charaktere völlig durchgeknallt erscheinen. Sie hat das, was Regisseure so sehr begehren: unendliche Präsenz. Weshalb man sie in Frankreich zu den großen Nachwuchshoffnungen zählt. Allerdings: "Nur, weil ich ein paar Filme gedreht habe, die mich in Frankreich sehr bekannt gemacht haben, heißt das noch lange nicht, dass meine Selbstzweifel verschwunden sind."

Doch kann der Zweifel nicht ein Motor sein, ein wichtiger Zustand? "Ich glaube", sagt Forestier, "dass die Leidenschaft und das Verlangen in meinem Beruf wichtiger sind als der Zweifel. Natürlich nagen Zweifel oft an mir. Manchmal denke ich, was für eine beschissene Schauspielerin ich bin und dass ich den Beruf lieber aufgeben sollte. Doch wenn man wie ich eine ausgeprägte Leidenschaft für diesen Job hat, dann hilft einem das aus jedem Tief heraus."

Wenig überraschend, dass Sara Forestier auch keine Vorbilder hat. "Das mit den Vorbildern ist so", sagt sie: "Wer in die Fußstapfen anderer tritt, hinterlässt selbst keine Spuren."