• vom 05.09.2014, 15:59 Uhr

Film

Update: 30.08.2015, 10:59 Uhr

Filmfestspiele Venedig

Sex, Lügen & Videogames




  • Artikel
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias Greuling aus Venedig

  • In Venedig gehen heute, Samstag, die 71. Filmfestspiele zu Ende. Ein letzter Höhepunkt war Abel Ferraras "Pasolini".

Willem Dafoe und Abel Ferrara. - © Katharina Sartena

Willem Dafoe und Abel Ferrara. © Katharina Sartena

Das letzte Interview seines Lebens gab er am Tage seines Todes. Pier Paolo Pasolini, italienischer Dichter, Filmemacher, Denker und ja, in seinen Schriften auch: (politischer) Aktivist. In der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen des Jahres 1975 wurde Pasolini brutal ermordet; seine Leiche fand man am Strand von Ostia, vor den Toren Roms. Viele Mythen ranken sich um sein Ableben, und doch: Die unbewiesenen Verschwörungstheorien, die hinter seinem Tod einen Auftragsmord vermuteten, sind berechtigt, weil Pasolini kurz zuvor noch über eine Verstrickung des italienischen Staates in Terroranschläge recherchierte und dazu auch öffentlich den Mund aufmachte.


© Katharina Sartena © Katharina Sartena

Bei Regisseur Abel Ferrara ist alles banaler: Da fuhr Pasolini mit einem jungen Stricher in seinem Alfa 2000 GT an den Strand. Dort wollte er Sex mit ihm haben, aber eine zufällig vorbeikommende Gang beschloss, auf die "dreckige Schwuchtel" einzudreschen und sie anschließend mit ihrem Alfa zu überrollen.


"Wir sind alle in Gefahr"
Doch gar so banal ist dieser Film nicht: Vieles, was Abel Ferrara in "Pasolini" zwischen den Zeilen versteckt, muss erst gefunden werden. Kaum ein Film schied am Lido so sehr die Geister wie dieser: Von oberflächlicher Inhaltslosigkeit sprachen die einen, von einem Meisterwerk der Poesie die anderen. Wir gehören eher zu den Letzteren: "Pasolini" ist nicht nur eine Chronologie des letzten Tages im Leben seines titelgebenden Protagonisten (apathisch, nachdenklich und kämpferisch dargestellt von Willem Dafoe), sondern auch der metaphernschwangere Versuch, sich diesem Künstler anzunähern, seine Welt(bilder) zu verstehen, die (nicht nur) im Italien der 70er Jahre angeeckt haben mussten. Ein scheinbar furchtloser Intellektueller, der sich bei den einfachen Menschen auf der Straße wohler fühlte als in den Kreisen der von ihm verhassten Bourgeoisie. Pasolini, der Aufgeklärte, der Journalisten mit einer gewissen Schulmeisterlichkeit gerne seine Ideen vom gesellschaftlichen Zusammenleben diktierte, zugleich auch vor dem drohenden Untergang warnte. Dem Journalisten seines letzten Interviews verordnete er die Artikel-Überschrift: "Schreiben Sie, ‚Wir sind alle in Gefahr‘."

"Pasolini" ist auch deshalb ein Meisterwerk, weil Ferrara ganz assoziativ mit seinem Protagonisten umgeht: Da wird das tägliche Wecken durch Pasolinis Mutter mit seinen intellektuellen Ideen von einer idealen Gesellschaft konterkariert, da folgt einer Diskussion über die Pläne für seinen nächsten, ungedrehten Film (den Ferrara dann als Film im Film mit Pasolinis zeitweiligem Lebenspartner Ninetto Davoli inszeniert) ganz selbstverständlich eine Szene in einer Schwulenbar.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2014-09-05 16:02:04
Letzte Änderung am 2015-08-30 10:59:31



Filmkritik

Trotzdem Tänzer

Yuli, Sohn des Ogún, nennt ihn sein Vater nach dem Sohn eines afrikanischen Kriegsgotts. Und Carlos ist ein Kämpfer - zuerst gegen den Wunsch seines... weiter




Neu im Kino

Die Filmstarts der Woche

Krank, aber stark (fan)Die Doku schildert das Leben von Martin Habacher, einem Youtuber, Social Media Berater. Sensibel wird gezeigt... weiter




Filmkritik

Ein Blick hinter die Kulissen der Burg

20190213burg - © Wikicommons, Thomas Ledl – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international Mit den Pfeiftönen eines LKWs, der gerade ein Bühnenbild transportiert und den Werkstätten des Burgtheaters, die an Werkhallen erinnern... weiter





Werbung



Kommentar

Kunst und Moral

Schon wieder der Gabalier! Nachdem der österreichische "Volks-Rock’n’Roller" den Karl-Valentin-Orden einer Münchner Faschingsgilde... weiter





Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Fernsehen bietet plötzlich Kinostoffe"
  2. "Lucia di Lammermoor" mit hohen Tönen und niedriger Spannung
  3. Bruno Ganz ist tot
  4. "Hausaufgaben versauen die Lust"
  5. Goldener Bär für "Synonyme"
Meistkommentiert
  1. "Es war ohnehin ein Ausländer"
  2. Thomas Bernhard, noch immer - naturgemäß
  3. Unsoziale Medien
  4. Brexit-Erzählungen
  5. Mit Facebook im Bett

Wiener Journal

The Man Who Killed Don Quixote

- © Concorde Der eitle Regisseur Toby soll in Spanien einen Werbefilm drehen, wird dabei aber von seiner Vergangenheit eingeholt... weiter




Wiener Journal

Book Club

- © Eurovideo Was mit Erica Jong begann, endet 40 Jahre später mit "Fifty Shades of Grey": Die vier besten Freundinnen Vivian, Diane, Carol und Sharon... weiter





Der Deutsche gab am Pult im Goldenen Saal des Musikvereins den Kapellmeister Deluxe.

Förderpreisgewinner Christoph Fritz mit Moderatorin Verena Scheitz und "vormagazin"-Chefredakteur Christoph Langecker. Peter Handke bei der Verleihung des 19. Wiener Theaterpreises "Nestroy" im Theater an der Wien. Hier mit dem Preis für sein Lebenswerk.

Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.

Quiz




Werbung