Wenn "Pasolini" in Venedig am Samstagabend leer ausgeht, muss an der Dramaturgie solcher kultureller Großevents zu zweifeln begonnen werden: Natürlich eignet sich kein Platz der Welt besser für ein "Pasolini"-Biopic, das die letzten Stunden seines Lebens nachzeichnet, und darin aber doch sein ganzes Leben subsumiert. Welch Bildnis gäbe das: Der schwule Linke Pasolini, ermordet von rechten Homophoben, ausgezeichnet an einem Festival, das die Faschisten erfanden?

Russischer Alltag


Doch auch sonst zeigte sich der Wettbewerb überraschend stark: Alberto Barbera hat, allen Unkenrufen zum Trotz, ein stimmiges Programm aufgestellt, in dem es wenige echte Tiefpunkte gab. Erst spät in diesem Wettbewerb war die brillante Tragikomödie "A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence" zu sehen, der Schwede Roy Andersson hätte sich dafür mindestens den Regiepreis verdient, so verschroben lakonisch und sympathisch zeigt sich seine filmische Lebenssinnsuche. Auch der Russe Andrej Koncaloskij zeichnet einen Lebensalltag in Nordrussland in "The Postman’s White Nights" als Quasi-Komödie der Einsamkeit: Ein Postler liefert mit seinem Schnellboot die wenigen Poststücke und Zeitungen aus, die in dieser Einöde auf ihre Empfänger warten. Koncaloskij zeigt dabei in grandiosen Bildern ein Russland örtlicher, aber auch mentaler Distanzen. Der Chinese Wang Xiaoshuai wiederum erzählt in "Red Amnesia" im Stil eines Thrillers, wie eine ältere Dame in Peking zunächst scheinbares Opfer seltsamer Attacken wird, ehe man herausfindet, dass alles Lüge ist. Andrew Niccol zeigt in "Good Kill" Ethan Hawke als desillusionierten Ex-Armee-Flieger, der von einem Container in Nevada aus Drohnen steuert und in Afghanistan potenzielle Terroristen abschießt. Niccol erzählt mit den allzu glatten Mitteln des Blockbusterkinos, doch gerade dadurch wird dieser Film zu einer zugänglichen Anklageschrift gegen eine Nation, die den Kampf gegen den Terror längst selbst mit Terror führt.

Und dann war da noch Joshua Oppenheimers herausragende Doku "The Look of Silence" über die Täter des Genozids in Indonesien. Relevanter kann dokumentarisches Kino kaum sein. Es hätte wohl auch Pasolini gefallen.