Die Kamera hält auf ein Haus mit Garten. Eine Frau steht vor der Eingangstür auf der Veranda, verbirgt ihre Hände in ihrem Rock, der die 30er Jahre erahnen lässt. Die Sonne scheint, zwei Kinder stehen im Garten, schauen in die Kamera, posieren, als glaubten sie, fotografiert zu werden. Der Mann hinter der Kamera, vermutlich der Vater, dürfte ihnen etwas zurufen, woraufhin sie zögernd beginnen, sich zu bewegen. Sie merken, dass die Kamera kein Fotoapparat ist, lachen, schließlich vergessen sie den modernen, ihnen unbekannten Apparat ganz, geben sich ihrem Ballspiel hin. Ein kleiner Bub in Windeln steht am Rand, läuft plötzlich aus dem Bild, wird von einer Hand wieder hineingeschoben. So oder so ähnlich kann man sich eine typische Amateurfilmaufnahme der 30er Jahre vorstellen. Meist war es der Vater, der filmte, die Familie, die gefilmt wurde. Das war damals. Heute erlebt der Amateurfilm von dazumal einen Aufschwung.

"Weil er die Menschen zeigt", meint Paolo Caneppele, Archivleiter des Filmmuseums, auf die Frage, warum der Amateurfilm eigentlich von Bedeutung ist. Wir sitzen in seinem kleinen Büro in der Heiligenstädter Straße, der Dissertant Raoul Schmidt, der in seiner Arbeit über unterschiedliche Archivtechniken schreibt, Paolo Caneppele und ich. Filmrollen liegen auf den Tischen verstreut, als wären sie extra für mich positioniert worden, wahrscheinlich ist das aber normal in einem Filmarchiv. "Im Amateurfilm sieht man die Stadt von vor 70 Jahren, man sieht familiäre Situationen, erfährt, wofür sich die Leute im Urlaub interessiert haben, wofür im Alltag, wie sie gefeiert haben. Er gibt ein Abbild der Sittengeschichte."

Alles, was den Alltag ausmachte


Der Mensch stehe dabei immer im Vordergrund, betont er mit italienischem Akzent, und so hebt er in seinem Archiv auf, was andere vielleicht schon lange entsorgt hätten: Filmplakate, handgeschriebene Zettel mit Informationen zu Aufnahmen, sogar einen leeren Karton, mit Angaben zu jenem Film beschriftet, der einst in der Schachtel war, aber schon lange verloren ist. Die anderen Kartons aber bewahren dann doch Filmrollen auf, nämlich weitere Amateurfilme, 5000 Stück insgesamt, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass deren Macher bei der Aufnahme keinerlei kommerziellen Interessen verfolgten.

Man kennt das ja: Familienfeier, man unterhält sich mehr oder weniger nett, vielleicht wird sogar getanzt und irgendwann packt jemand seine Filmkamera aus: "Sag etwas in die Kamera!", oder "Mach irgendwas Lustiges!", heißt es dann und schon ist man im Dienst der Aufnahme. Begonnen hat dieses Phänomen in den Zwanziger Jahren, als die ersten amateurtauglichen analogen Filmkameras und Projektoren in Europa auf den Markt kamen, zuerst, im Jahre 1923, in den Formaten 9,5 mm und 16mm. 1932 kam bereits das erste, preisgünstigere Normal-8-Format und nach dem Krieg, 1965, wurde das Super-8-Format marktreif. Schnell wurden so Amateuraufnahmen zum Boom, erlaubten sie den Menschen doch, endlich auch einmal Stars zu sein.

Gefilmt wurde vor allem die Familie im Alltag, auf Festen, im Urlaub, mit Freunden, aber auch politische Geschehnisse, Flugzeuge oder Autos, kurz: alles, was den Alltag ausmachte oder sich von ihm abhob. Der künstlerische Anspruch der Filmer konnte dabei größer oder kleiner sein, der Fokus mehr oder weniger auf gesellschaftlichen oder politischen Inhalten liegen. Dadurch kam es zu einer großen stilistischen und inhaltlichen Vielfalt dieses mittlerweile als eigenständig bezeichneten Genres. Diese Amateurfilme von damals geraten nun immer mehr in den Fokus der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit. Tagespolitik und Alltägliches wird darin eingefangen - man denke nur an die Amateuraufnahme der Ermordung von J.F. Kennedy. Der Amateurfilm ist deshalb, neben dem menschlichen und soziologischen Faktor, auch von historischer Bedeutung. So ist etwa die einzige, nur zehn Sekunden kurze Aufnahme von sogenannten Reibpartien von 1938, in denen Juden zu ihrer Erniedrigung gezwungen wurden, antinazistische Slogans von den Straßen zu schrubben, im Filmmuseum zu finden - und, wie alle anderen Aufnahmen, auch einzusehen, was von Studenten und Wissenschaftern immer wieder in Anspruch genommen wird. Wenn Amateuraufnahmen auch keine globalen Zusammenhänge von historischen Geschehnissen liefern können, wenn sie auch immer nur Ausschnitte liefern, so haben sie sich aufgrund ihres visuellen Charakters dennoch zu einer angesehenen Quelle für die Geschichte entwickelt: Sie entsprechen dem visuellen Zeitgeist.

Sammelstellen für Amateurfilme


Zwei Institutionen in Österreich, das Österreichische Filmmuseum und das Filmarchiv Austria, haben sich seiner an- und sich nicht weniger vorgenommen, als den Amateurfilm zu retten. "Sie wollen finden, was verloren ging, erhalten, was gefunden wurde, und das mit den meistmöglichen Menschen unter den bestmöglichen Bedingungen teilen", meint Martin Scorsese, Ehrenpräsident des Filmmuseums, in seinem Vorwort zur Jubiläumsausgabe des Filmmuseums anlässlich dessen 50-jährigen Jubiläums in diesem Jahr und definiert damit genau die Arbeit der Archivare: finden und erhalten. Das erweist sich jedoch als schwierig, denn oft sind die Filmer bereits gestorben und ihre Filmrollen in einem Keller oder Dachboden gut verstaut und verstaubt. Die Archive sind deshalb auf die Nachkommen angewiesen und darauf, dass diese die alten Filmrollen nicht einfach entsorgen, sondern ins Archiv des Filmmuseums oder ins Filmarchiv bringen.