Busan. "Der Vampir auf der Couch" sei kein typischer Vampir-Film, erklärte David Ruehm dem koreanischen Publikum beim Filmfestival in Busan. Allein der Plot, angesiedelt im Wien der 30er Jahre, bezeugt die Vorliebe des österreichischen Regisseurs fürs Absurde: Tobias Moretti spielt einen Grafen, der sich bei Sigmund Freud therapieren lässt. Seine Gattin leidet darunter, dass sie sich nicht im Spiegel sieht. Die kurzweilige Komödie mit doppelbödigen Anspielungen (ab Dezember im Kino) erntete in Korea beachtlichen Applaus.

"Wiener Zeitung": Dient Ihnen das Vampir-Motiv lediglich als dramaturgisches Vehikel?

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David Ruehm: Ich bediene mich der Vampire, weil sie ideal zum Thema passen: Sie können sich im Spiegel nicht sehen. Die Grundidee war, dass es doch furchtbar sein muss, wenn man sich kein Bild von sich machen kann. Wie empfinden die sich selber? So hat eins das andere ergeben: Über Jacques Lacan, der die Spiegeltheorie in den 30er Jahren entwickelt hat, kam ich auf die Kombination mit Freud.

Ist Sigmund Freud historisch getreu angelegt?

Teilweise. Auf den Tondokumenten, die es von Freud gibt, hat er extrem langsam gesprochen. Hätte ich das so übernommen, würde der Film wohl zwei Stunden dauern. Aber wir haben dann das Behandlungs- und Arbeitszimmer relativ originalgetreu nachgebaut, es sind sehr viele Freud-Zitate versteckt im Film. Gleich in der ersten Einstellung ist auf einem Grabstein zu lesen: "Wenn man jemandem alles verziehen hat, ist man mit ihm fertig". Die Tabletten, die Freud im Film nimmt, heißen "Träumewohl" und sind seit 1900 abgelaufen - genau dem Jahr, in dem Freud die "Traumdeutung" geschrieben hat.

Der Film wirkt leichtfüßig. Das ist nicht gerade der Stil, für den der österreichische Film international bekannt ist. Wo sehen Sie sich in der heimischen Filmlandschaft?

Eh ein bisschen als Außenseiter, was auch mit meiner Geschichte zu tun hat: Meine Mutter war Polin und in meiner Kindheit in den 80ern war ich in den Ferien in Krakau, wo ich viel Kino und Theater geschaut habe. Ein Teil meines Humors und die Art, wie ich Filme mache, kommt von dieser Sichtweise. Früher hatte ich es mit meiner Art von Humor in Österreich nicht leicht. Auch der Stoff zu "Der Vampir auf der Couch" wurde nicht sofort gefördert, sondern erst mal abgelehnt. Das Gleiche geht jetzt bei meinem nächsten Projekt wieder von vorne los. Als mein erster Film (Anm.: "Die Flucht", 1992) in Cannes lief, habe ich gedacht: Super, jetzt kann ich gleich meinen nächsten Film machen - schlussendlich hat es vier Jahre gedauert.

Haben Sie jemals daran gedacht, das Filmen aufzugeben?

Dafür liebe ich Film zu sehr. Aber nachdem meine Bücher jahrelang abgelehnt wurden, bin ich in den 90ern zur Werbung gegangen, einfach um wieder mit der Kamera am Set zu stehen. Ich hatte das Glück, auch aufwendige Werbungen machen zu können. Ohne diese Erfahrungen hätte ich auch "Der Vampir auf der Couch" so nicht machen können.

Ende der 80er haben Sie Wien verlassen und sind nach Los Angeles gezogen, wo Sie auch auf den legendären Regisseur John Cassavetes trafen. Wie kam es dazu?

Völliger Zufall: Ich habe einen Schauspieler in einem Café kennengelernt, der mich zu einer Drehprobe mitnahm. Dort saßen dann John Cassavetes, Gena Rowlands und alle Schauspieler an einem Tisch und ich konnte bei den Proben zuschauen - das war extrem spannend. Den Film hat Cassavetes nicht mehr gemacht, weil er kurz darauf gestorben ist. Eine Sache aber habe ich von ihm übernommen: Ich lasse meine Schauspieler auch stets die Rollen von ihrem Gegenüber lesen.

In einem Interview behaupteten Sie, dass Wien derzeit so spannend wie nie sei. Weshalb?

Das mag damit zu tun haben, dass ich selber älter und ruhiger geworden bin, aber es hat sich schon einiges getan. Ich glaube wirklich, dass die EU Wien gut getan hat. Die Stadt hat sich ein bisschen aufgemacht, die Menschen sind lockerer geworden. In den 80ern waren ab 18 Uhr die Straßen leer und die Leute waren missgünstiger. In Amerika war ich es gewohnt, dass man sich auf der Straße grüßt - in Wien haben die gedacht, ich spinne. Nach wie vor versuche ich, mindestens einen Monat in New York zu verbringen, um die Energie von dort wieder mitzunehmen. Ein ganzes Jahr nur in Wien würde ich nicht aushalten.