Sudabeh Mortezai: "Asylanten-Alltag erleben." - © Katharina Sartena
Sudabeh Mortezai: "Asylanten-Alltag erleben." - © Katharina Sartena

Wien. Lebensentwürfe, mitten in unserer Gesellschaft, und doch ziemlich versteckt: Was sich in der Simmeringer Wohnsiedlung "Macondo" abspielt, zeigt das Spielfilmdebüt der iranischstämmigen Wienerin Sudabeh Mortezai. Sie hat in den Wiener Sozialbauten intensiv recherchiert und dort eine Spielhandlung um einen kleinen Buben verortet, die vom Alltag von Asylsuchenden in Österreich berichtet. Der elfjährige tschetschenische Bub Ramasan (Ramasan Minkailov) hat für sein junges Alter viel Verantwortung: Er ist seit dem Tod des Vaters der "Mann" im Haus und kümmert sich um seine Mutter und seine zwei jüngeren Schwestern. Als Isa (Aslan Elbiev) in der Siedlung einzieht, ein Kriegskamerad seines gefallenen Vaters, kommt Unruhe in Ramasans Welt.

"Wiener Zeitung": Frau Mortezai, kaum jemand weiß von dieser Siedlung, die Sie zeigen. Wie sind Sie darauf gestoßen?

Sudabeh Mortezai: Diese Siedlung, die von den Bewohnern "Macondo" getauft wurde, ist tatsächlich so etwas wie eine kleine Parallelwelt innerhalb Wiens. Sogar viele Simmeringer, die seit Jahren direkt daneben wohnen, wissen nicht, dass dort viele Asylwerber leben. Auch ich bin nur durch Zufall draufgekommen. Die Siedlung ist schon ein Symbol der österreichischen, ja der europäischen Flüchtlingspolitik. Man nimmt Flüchtlinge zwar auf, weil man verpflichtet ist, aber man tut dies nur zähneknirschend. Diese Leute sollen ja nicht im Zentrum sein, sondern außerhalb, am Stadtrand, ganz weit weg. Nach der Kläranlage links, sozusagen.

Findet dort so etwas wie eine Ghettoisierung statt?

Zum Teil. In diesen geförderten Sozialwohnungen lebt eine Vielzahl an Menschen unterschiedlichster Herkunft. Dort gibt es Afghanen, Syrer, Tschetschenen oder Flüchtlinge aus Somalia. Nur Österreicher gibt es dort nicht. Das ist schlecht, denn die kulturelle Durchmischung mit Österreichern würde uns und den Flüchtlingen ein besseres Miteinander ermöglichen.

War für Sie klar, einen Spielfilm zu drehen, oder hätte sich da auch eine Doku angeboten?

Ich wollte einen Spielfilm machen, der hart an der Grenze zum Dokumentarischen liegt. Die Handlung und die Mitwirkenden - all das hat sich bei meiner Recherche vor Ort ergeben. Ich habe sehr lange recherchiert, habe Kontakte zu den Bewohnern aufgebaut und viele Situationen erlebt, die letztlich im Film gelandet sind.