Mit "Darwin’s Nightmare" hatte der österreichische Regisseur Hubert Sauper 2004 die fatalen Effekte von Kolonialisierung am Beispiel von Fischern in Tansania gezeigt. Mit "We Come As Friends" (ab Freitag im Kino) begutachtet er die Folgen der Unabhängigkeitserklärung des Süd-Sudan im Jahr 2011. Die "Wiener Zeitung" traf ihn zum Interview.

"We Come As Friends" ist kein Film über Afrika, sondern nimmt Afrika als "Trigger, um über die ganze Welt zu sprechen". - © Filmladen
"We Come As Friends" ist kein Film über Afrika, sondern nimmt Afrika als "Trigger, um über die ganze Welt zu sprechen". - © Filmladen

"Wiener Zeitung": Ganz am Anfang dieses Films steht das Flugzeug. Der Zweisitzer, den Sie speziell dafür konstruiert haben und mit dem Sie von Frankreich aus nach Afrika aufbrechen. Warum denn in diesem Flugzeug? Welche Bedeutung hat es für Sie?

Hubert Sauper: Kolonialisierung ist ein Thema, das mich umtreibt - und im Gegenstand des Flugzeugs sind viele Aspekte der Kolonialisierung symbolisch vereint. Zum einen ist es Transportmittel, aber es ist auch ein Symbol für technische Überlegenheit. Es hat eine phallische Form und es ist weiß. Als solches also kommt es - von oben noch dazu - auf den "schwarzen Kontinent" hinunter. Oft kommt ein Flugzeug bei Bombardierungen zum Einsatz, es trägt aber auch christlichen, stark missionarischen Symbolismus: Gute und rettende Menschen kommen aus Europa, Amerika bringt Hilfsgüter, Impfstoffe und Lebensmittel und die Afrikaner müssen "natürlich" dankbar sein.

Ein Flugzeug kann aber auch für Freiheit stehen.

Das auch, und außerdem für Träume, für eine Idee des High-Seins. Dieses kleine Flugzeug war auch so etwas wie unsere Droge, es hat die Kontaktaufnahme mit der Bevölkerung immens erleichtert. Ich meine, wenn man in so einer fliegenden Blechdose auf einem libyschen Militärstützpunkt landet, ist von Überlegen-Sein keine Rede mehr, da lacht dich jeder aus, und das ist aber das Gute daran. Das Interessante und Erschreckende war, dass wir bald gemerkt haben, es hilft, wenn wir Uniformen anhaben. Es ist ganz egal, ob du wirklich ein Offizier oder sonst jemand bist, dem eine Uniform zusteht. Sobald du eine anhast, respektiert man dich eher.

Ist der Sudan als Land für die Darstellung Ihrer These vom modernen Kolonialismus besonders geeignet?

Der Sudan ist ein spezielles Land. Es hat eine lange, schmerzhafte Kolonialgeschichte, war gewissermaßen immer der "Hinterhof" von Imperien, schon seit den Ägyptern, die sich im Sudan Sklaven und Rohstoffe holten. Dann kamen die Griechen, die Römer, die Araber, die Ottomanen und so weiter. Der längste Krieg des afrikanischen Kontinents fand im Sudan statt, als Konsequenz der britischen Kolonisierung. Und die Teilung des Sudan im Jahr 2011 in zwei kleine Staaten war wie ein "Fenster in die Geschichte". Denn das Fatalste, das diesem Kontinent passiert ist, war die koloniale Zerteilung in 50 Stücke, sogenannte Nationen. Die von den Europäern geschriebenen Grenzen sind Linien der Vernichtung, die von Millionen von Toten gesäumt wurden. Die neue Grenze durch die zwei sudanesischen Staaten zieht sich wie ein makaberer Witz genau durch die Ölfelder am oberen Nil, die man in "We Come As Friends" sieht, und ich musste kein Prophet sein, um den nächsten Krieg vorauszusehen.

Ihr Film "Darwin’s Nightmare" hatte ungeahnte Konsequenzen. Sind Sie an die verwandten Themen wie Ausbeutung, Abhängigkeit, Unterdrückung nun anders herangegangen, auch, weil "Darwin" ein juristisches Nachspiel hatte?

Ich glaube, dass auch dieser Film wieder Wellen schlagen wird, sobald ihn genügend Leute - oder die "richtigen" Leute - gesehen haben. Die Afrikaner haben geschichtliche Phasen der Demütigung ertragen, die sich ähneln, und überschneiden: Sklaverei, Kolonialismus und Globalisierung. "Darwin’s Nightmare" beschrieb die letzte, gegenwärtige Phase. Dieser einfach hergestellte Film war "zu erfolgreich", und als er zum Oscar als beste Doku nominiert worden war, hatte ich Leute aus der Waffenlobby und afrikanische Staatschefs am Hals, die um das "gute Image" besorgt waren. Freunde von mir, die im Film vorkamen, wurden verfolgt, sogar eingesperrt. Ab dann habe ich der Hasskampagne mit all meiner Kraft und eben auch juristisch entgegnet. Es ist eine lange, schmerzhafte Geschichte, aber eine unglaublich interessante Erfahrung. Alle Gerichtsverfahren habe ich gewonnen. Es war ein persönlicher, nötiger Sieg für mich, der mich für "We Come As Friends" regelrecht beflügelte.

In diesem Film ist Ihre Vorgehensweise episodenhafter als in "Darwin’s Nightmare", und sie hängt weniger stark an bestimmten Personen. Hat das damit zu tun, dass es dieses Mal gefährlicher war, mit den Leuten zu sprechen?

Dramaturgisch ist der Film wie ein Science-Fiction-Film aufgebaut, nämlich als eine Reise durch Zeit und Raum. Wenn man sich durch Zeit und Raum bewegt, hat man nur wenig Zeit, sich nur bei einem Planeten oder einem Alien aufzuhalten. Das macht den Film härter. Wenn man Menschen in einem Film wieder begegnet, dann hat man ein heimeliges Gefühl. Das erzeugt für den Zuschauer einen gewissen Komfort. Wenn man Leute, an die man sich gerade ein bisschen bindet, nie mehr sieht, dann ist man auch als Zuschauer immer wieder in einem Ausnahmezustand und dieses Gefühl wollte ich herstellen. Ich will auf keinen Fall, dass sich der Zuschauer wohlfühlt.