• vom 27.01.2015, 16:59 Uhr

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Die Schweiz braucht "Chrieg"




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Von Matthias Greuling

  • In Solothurn feiert man 50 Jahre Filmtage. Der Schweizer Film blickt aber düsteren Zeiten entgegen.

"Chrieg" von Simon Jaquemet ist ein Beispiel für innovatives Kino mit Ecken und Kanten. - © Solothurner Filmtage

"Chrieg" von Simon Jaquemet ist ein Beispiel für innovatives Kino mit Ecken und Kanten. © Solothurner Filmtage

Solothurn/Wien. Als die Solothurner Filmtage 1966 das erste Mal stattfanden, da wollte man mit ihrer Gründung mithelfen, den Schweizer Film vom Heimatfilm-Mief der Kuhglockenromantik zu befreien und neue künstlerische Wege zu fördern. Eine Aufgabe, die die Werkschau des schweizerischen Filmschaffens mit Bravour erfüllt hat - bis heute.

Die Solothurner Filmtage, die noch bis Donnerstag ihr 50. Jubiläum feiern und deren Ausrichtung mit der Grazer Diagonale vergleichbar ist, sind dabei nicht nur Auslage für die Visitenkarten junger Filmschaffender, sondern auch gleich ein "Ort, wo sich die Schweiz selbst begegnet". So prägnant und lobend formulierte es der für Inneres zuständige Schweizer Bundesrat Alain Berset vergangene Woche in Solothurn. Die Filmtage seien "Seismografen unserer Befindlichkeit" und würden das komplexe Land realistisch abbilden. Komplex ist das Land wirklich, und es ist Ungemach im Busch. Zwar kann sich die Schweiz auf eine breite politische Unterstützung in Sachen Film verlassen, und auch die Dotierung der Filmförderung sowie der Festivals sind mehr als ordentlich (das sagen die Schweizer Filmemacher sogar selbst!), doch ist auch hier nicht alles Gold, was glänzt.


Gut ausgestattetes Budget
Solothurn als Festival hat rund drei Millionen Franken (fast drei Millionen Euro) Budget, "die wir jedes Jahr aufs Neue auftreiben müssen, durch Förderungen und Sponsoren", sagt Seraina Rohrer, seit 2011 Leiterin der Filmtage und in der 50-jährigen Geschichte des Festivals erst die dritte Person in dieser Funktion - allein Vorgänger Ivo Kummer (jetzt Chef der Filmförderung) hielt sich ab 1987 bis zum Wechsel in dieser Position.

Verglichen mit der Diagonale, wo man etwa 1,2 Millionen Euro zur Verfügung hat, ist Solothurn nicht erst seit der jüngsten Franken-Parität mit dem Euro überaus gut ausgestattet.

Festivals wie die in Locarno oder Zürich haben ein Vielfaches zur Verfügung, und durch die Gründung der Filmschau in Zürich im Jahr 2005 haben Traditionsschauen wie Solothurn oder Locarno sogar finanziell profitiert: Hintergrund ist der politische Gedanke, dass man Zürich mit seinem Streben nach Starrummel und internationalen Produktionen nicht zu viel Bühne bieten wollte und beschloss, vermehrt Gelder in die Provinz zu stecken. Dafür gibt es im Tessin jenseits von Locarno "praktisch keine Kinokultur mehr", so Rohrer. Für die Verleiher rentierten sich etwa untertitelte Kopien von Filmen aus der Deutschschweiz für diese Region überhaupt nicht mehr.

Die Konkurrenzsituation zwischen den Festivals schlug sich jedenfalls vergangenes Wochenende auch in einem Zank am Rande der Solothurner Filmtage nieder: Dort schrieb der Kritiker der "NZZ am Sonntag" davon, dass die Solothurner Filmtage überflüssig geworden seien, weil sie ihr einstiges Ziel, die Schweizer für die eigenen Filme zu interessieren, längst erreicht hätten. Die Empörung über diese Position war groß, zumal der Verfasser zugleich Chefredakteur des Filmmagazins "Frame" ist, ein Gemeinschaftsprodukt der "NZZ am Sonntag" mit dem Zürcher Filmfestival.

Volksinitiative als Hemmschuh
Doch die wahren Probleme haben ganz andere Dimensionen im Schweizer Filmschaffen: Nachdem am 9. Februar 2014 die eidgenössische Volksinitiative "Gegen Masseneinwanderung", initiiert von der Schweizerischen Volkspartei SVP, angenommen wurde, kündigte die EU unter anderem auch bilaterale Initiativen wie das einstige "Media"-Programm mit der Schweiz auf; das Mitmachen im europaweiten Vermarktungs- und Entwicklungsprogramm (nun Creative Europe getauft) bleibt den Schweizern nun verwehrt. "Eine schreckliche Situation, die der Bund finanziell abfedert, aber das ist keine Dauerlösung", findet Solothurn-Chefin Seraina Rohrer. Der Schweizer Film erhalte dadurch auch weniger Sichtbarkeit in Europa, wo er sich aufgrund seiner Sprache ohnehin schwer tut.

Just in dem Moment staubte in Saarbrücken übrigens das Jugenddrama "Chrieg", Debüt-Langfilm von Simon Jaquemet aus Zürich, den Hauptpreis ab. Der Film zeigt mit Ecken und Kanten und in innovativer Weise Schweizer Jugendliche in einem Erziehungscamp, die nachts ihren brutalen "Chrieg", ihren Krieg, gegen die Erwachsenen und gegen überhaupt alles führen.

Mehr solche Filme braucht die Schweiz: Sie heben sich vom Mittelmaß ab, das sich im Schweizer Film leider auch breitgemacht hat und das glattgebügelte Drehbücher an Förderrichtlinien anpasst, anstatt eine unkonventionelle Sprache zu entwickeln. Ein solcher Prozess, den die österreichische Filmszene schon durchlebt hat und noch immer durchlebt, braucht viel Zeit. Er ist selbst mit viel Geld im Portemonnaie nicht zu beschleunigen.




Schlagwörter

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