Vier Jugendliche, eine laute Partynacht, zuviel Bier und Schnaps, und eine überfallene Bank - mehr braucht es nicht für den besten deutschen und zugleich deutschesten Film auf der Berlinale seit vielen, vielen Jahren. Sebastian Schipper, 46-jähriger Regisseur und Schauspieler, nennt seinen neuen Film schlicht "Victoria", weil das der Name jener hübschen jungen Spanierin ist, die vier Ur-Berliner Jungs mit leicht krimineller Veranlagung unwissend aus der Patsche hilft, als sie deren gestohlenes Fahrzeug als Fluchtwagen bei einem Bankraub lenkt.

Doch der Reihe nach: "Victoria" beginnt in einem Berliner Club, der unter der Erde wummernde Electrobeats kredenzt. Das geht bis in die Morgenstunden, und Victoria (eine Entdeckung: Laia Costa) ist gerne Gast hier. Ebenso wie Sonne (Frederick Lau), Boxer, Blinker und Fuß, vier Kumpels, die gerne über die Stränge schlagen. Man lernt sich kennen, und vor allem Sonne und Victoria finden Gefallen aneinander. So geht das eine knappe Filmstunde lang, und die Erinnerung an selbstdurchlebte Disconächte mit ungewissem Ausgang kann Regisseur Schipper hier mit viel schummriger Beiläufigkeit gleich miterzählen.

Doch dann die Wende: Die Burschen - plötzlich nur mehr zu dritt, weil einer zuviel intus hat - suchen mitten in der Nacht einen neuen Komplizen für ein krummes Ding, von dem sie selbst noch nicht wissen, was es sein wird. Einer der Jungs war im Knast und muss nun alte Schulden abarbeiten, indem er für seinen damaligen Beschützer eine Bank ausrauben soll.

Relativ direkt wird Victoria gefragt, ob sie den komatösen Kollegen nicht ersetzen möchte und als Fahrerin bei dem Coup dabei sein will. Das gestohlene Auto hat Automatik-Schaltung. "Yes, I can drive this car", sagt sie und setzt sich ans Steuer.

50.000 Euro stehen als Beute auf dem Spiel, doch es geht schief, was nur schiefgehen kann: Ein Fluchtauto, das abstirbt, der darin "vergessene" besoffene Kumpel, ein Showdown im Plattenbau.

Eine Räuberpistole besonders aufgesetzten Ausmaßes könnte das sein. Ist es aber nicht. Denn Schippers Genre-Thriller hat einen großen Trumpf, den ihm so schnell keiner nachmacht: Er besteht aus nur einer einzigen Einstellung: Kameramann Sturla Brandth Grøvlen gebührt hier ein Silberner Bär, weil er es schafft, sagenhafte 140 Minuten lang ständig hautnah bei der Action zu bleiben und dennoch genau weiß, in welchen Momenten er auf Distanz gehen muss.

"Technisch ist ein solcher Film erst seit wenigen Jahren möglich", sagte Schipper in Berlin. "Wir wollten einfach den Prozess des Drehbuchschreibens und des Schnitts aussparen, beziehungsweise in die Dreharbeiten selbst verlagern", so Schipper weiter. "Es gab gerade einmal 12 Seiten Text, den Rest haben wir uns in Proben und am Set erarbeitet." Gedreht wurde "Victoria" drei Mal, also in drei Single Takes.

Der dritte ist schließlich die Fassung, die in Berlin gezeigt wurde: Eine rasende, rohe und zugleich sehr sorgfältig konstruierte und logistisch einwandfrei vorbereitete Orgie, zu der es im deutschen Film nur höchst selten kommt. "Lola rennt" (bei dem Schipper einst als Darsteller mitwirkte) hatte ein bisschen diesen Experiment-Charakter, dieses ungestüme Durchbrechen gängiger TV-Schemata. Letztere beherrscht Schipper zweifellos, wirkte er doch unter anderem in etlichen Tatort-Folgen mit.

Doch "Victoria" entfacht auch deshalb eine solch unterhaltsame Kraft, weil seine Ensemble so hervorragend miteinander kann. Da spielen lauter Profis, als wären sie Laien, und das ist vermutlich die größte Auszeichnung an die Authentizität, die man Schauspielern aussprechen kann.

"Victoria" hat seine Qualität aber auch dem Umstand zu verdanken, dass hier mitten in Berlin eine absurde, aber dann in ihrem jugendlichen Überdruss erwartbare Kurzschlusshandlung einen Echtzeitfilm ermöglicht, der von seiner Tonalität in keiner anderen Stadt denkbar scheint. Zumindest nicht so lässig denkbar. Victoria, dieses spanische Mädchen, leiht einem der schönsten Berlin-Filme künftig seinen Namen.