Graz. Über kurz oder lang kann man streiten: Dem einen scheint ewig, was für den anderen in Sekunden verfliegt. Die Dauer der Festival-Intendanz von Diagonale Direktorin Barbara Pichler liegt dazwischen, wenn auch näher am Sekundentakt. Nach sechs Jahren als künstlerische Leiterin der jährlichen nationalen Filmschau hat sie auf eine weitere Verlängerung verzichtet und wird im kommenden Jahr vom Team Sebastian Höglinger (30) und Peter Schernhuber (26) abgelöst, beide schon seit Jahren ebenfalls im Festival-Bereich tätig. Pichler hat nicht unrecht, wenn sie sagt, sie gehe auch deswegen, weil sich innovative Perspektiven schneller verbrauchten, je kleiner und überschaubarer die Szene sei.

Die Diagonale wird sie Schernhuber und Höglinger in einem renommierten Zustand hinterlassen; Pichler hat während ihrer Wirkungszeit einige positive Änderungen vorgenommen, eine der wichtigsten: Nicht mehr alle im Vorjahr im Kino gezeigten Filme auf der Diagonale noch einmal vorzuführen, sondern auch hier eine bedachte Selektion zu treffen und damit das Label "österreichischer Film" nicht mehr nur zu repräsentieren, sondern auch bewusster infrage zu stellen.

Bedenkt man, dass auch dieses Jahr aus allen Neueinreichungen nur knapp ein Fünftel auf der Diagonale zu sehen sein wird, kann man davon ausgehen, dass diese rund 100 neuen Filme diesem Leitsatz ebenfalls entsprechen. Das traditionell etwas stärker dem Dokumentarfilm und dem experimentellen Film (heuer mit neuen Arbeiten u.a. von Johannes Hammel, Friedl vom Gröller, Virgil Widrich und Joseph Dabernig) zugewandte Festival zeigt aber auch im Bereich Spielfilm und vor allem bei den Kurzfilmen eine interessante Mischung aus neuen Arbeiten junger und etablierter Regisseure, darunter drei Uraufführungen, etwa "Lampedusa" von Peter Schreiner.

Dokumentarfilmer Constantin Wulff porträtiert in "Wie die anderen" die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie am niederösterreichischen Landesklinikum Tulln und in seiner Kurzdokumentation begibt sich etwa Sebastian Brameshuber mit "Of Stains, Scraps & Tires" (der unter anderem bereits auf der Berlinale lief) in die Welt afrikanischer Autohändler am Erzberg.

Neues von Geyrhalter


Eröffnet wird die Diagonale am Dienstag Abend mit "Superwelt", dem neuen Film von Karl Markovics; den traditionell bei dieser Gelegenheit vergebenen Großen Schauspielpreis erhält dieses Jahr Tobias Moretti, und die französische Filmemacherin Mia Hansen-Love ist der "internationale Gast".

Kurzweilig über #bdquo⟨ldquo#, nämlich über den Zeitraum von 10 Jahren, erzählt der Dokumentarist Nikolaus Geyrhalter, dem die diesjährige Personale gewidmet ist, in seinem neuen Film "Über die Jahre", der im Forum der Berlinale Weltpremiere feierte. Anhand einzelner Schicksale von Mitarbeitern einer in Konkurs gegangenen Fabrik im nördlichen Waldviertel porträtiert Geyrhalter Menschen in ihrer Beziehung zu Arbeit. Des Weiteren wird Geyrhalters kaum gesehener Film "Das Jahr nach Dayton" (1997) gezeigt sowie "Pripyat", für den er 1999 mit dem Großen Diagonale Preis ausgezeichnet worden war.

Mit Filmen "In memoriam" wird der 2014 verstorbenen Filmemacher Florian Flicker und Michael Glawogger gedacht. Von Glawogger, der während der Weltreise für sein letztes Projekt "Untitled. Film ohne Namen" in Afrika an Malaria starb, werden erste Fragmente aus diesem letzten Film zu sehen sein. Von Flicker zeigt man "Suzie Washington", der 1998 die erste Diagonale eröffnete.

Mit Jakob Erwa ist dieses Jahr außerdem ein junger, durch die Diagonale groß gewordener Regisseur zurück in Graz: Nach "Heile Welt" präsentiert er mit seinem Berliner Psychothriller "Homesick" einen neuen Spielfilm, und auch Paul Poet ("Empire Me") stellt sein Doku-Porträt "My Talk with Florence" vor, über eine Frau, die vor Missbrauch fliehen wollte und in Otto Mühls Kommune landete. Aus ebenfalls vergangenen Tagen holte Mirjam Unger für die Diagonale die 1978 produzierte 18-teilige Jugend-TV-Serie "Draußen in der Stadt" von Günter Brödl hervor.

Kurz dagegen scheint es her zu sein, dass der Kärntner "Landesvater" Jörg Haider bei einem Autounfall starb. Das zumindest stellt die belgische Filmemacherin Nathalie Borgers in ihrer Doku "Fang den Haider" auch fast sieben Jahre danach vor Ort fest. Über kurz oder lang bleibt vielleicht doch alles gleich, je mehr sich ändert.