Berlin. James Franco taucht im Schlabberpulli auf, nimmt entspannt Platz in der Hotelsuite und wirkt eigentlich ziemlich ruhig. Dabei ist der rastloseste Rastlose des Filmgeschäfts so umtriebig wie nie zuvor: Allein 18 Filme mit Franco als Schauspieler sind derzeit im Entstehen, davon fünf Regiearbeiten. Alles gleichzeitig, und daneben bleibt dem 36-Jährigen noch Zeit, an der New Yorker Uni Film zu lehren, Filme zu produzieren (derzeit 14) oder Bücher zu schreiben. Der Anlass für das folgende Gespräch ist Wim Wenders Drama "Every Thing Will Be Fine" (ab 3. April im Kino), in dem Franco einen Schriftsteller spielt, der mit der Schuld leben muss, ein Kleinkind überfahren zu haben. Franco ist im Kopf aber schon wieder ganz woanders.

"Wiener Zeitung": Mr. Franco, Sie gelten als Workaholic. Angeblich lesen Sie am Set Ihrer Filme schon die Drehbücher für Ihre kommenden Filme und haben immer zwei, drei Projekte gleichzeitig am Laufen. Verlieren Sie nicht die Übersicht?

James Franco: Nein, denn ich arbeite stets fokussiert. Bei Filmen wie "Every Thing Will Be Fine" bin ich genau für die Zeit am Set, für die man mich braucht, und dann geht es weiter. Es ist ja nicht so, als hätte mir dieser Film drei Monate Vorbereitung abverlangt. Was hätte ich vorbereiten sollen? Es gab da nichts zu tun. Mein Motto: Dreh den Film, das dauert zwei Monate, und dann zieh’ weiter.

Trotzdem wirken Sie rastlos und in Eile: Sie drehen ja nicht nur ständig, sondern geben dazwischen auch Interviews, halten Vorträge, unterrichten, schreiben...

Ich stimme Ihnen völlig zu, außer dem Wort "in Eile". Ich hetze ja nicht durch einen Film, sondern wende die Zeit auf, die dafür nötig ist. Ich unterrichte meine Klassen nicht, indem ich sie antreibe, schneller zu lernen. Ich widme jedem Projekt die Zeit, die es braucht. Leute, die beim Film arbeiten, wissen, dass es dort unendlich viele Leerläufe gibt. Schauspieler verbringen die meiste Zeit damit, zu warten. Ich könnte mich auch hinsetzen und versuchen, in den Kopf meiner Figur einzudringen und mich dabei miserabel zu fühlen für all die Stunden, bevor ich drankomme. Ich könnte in meinen Trailer gehen und mit der Xbox spielen, ich könnte mit meinen Kollegen quatschen oder SMS verschicken. Ich bevorzuge es allerdings zu lesen.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Wim Wenders? Er soll in ihrer Vorlesung aufgetaucht sein.

Als mir Wim anbot, einen Film mit ihm zu machen, sagte ich gleich zu. Er wollte mich daraufhin sofort treffen, flog nach New York, konnte aber aus Termingründen nur ein paar Stunden bleiben. Er kam just zu dem Zeitpunkt, als ich unterrichtete, also lud ich ihn ein, dem Kurs beizuwohnen. An diesem Tag lasen die Studenten ihre Drehbücher vor, und Wim hörte sich nicht nur alles interessiert an, sondern gab auch Anmerkungen - das war toll. Jedenfalls war das unser erstes Treffen, und danach habe ich ihn für den "Playboy" interviewt. Wir sprachen zweieinhalb Stunden über seine Karriere. Am Ende war mir klar, dass ich mit ihm ganz wunderbar harmonierte. Weshalb er nun auch in meinem nächsten Film "Zeroville" mitspielt, eine Geschichte über das Hollywood der 70er Jahre. Wim spielt darin Larry, den Hippie.

"Every Thing Will Be Fine" ist das erste Drama, das in 3D gedreht wurde. Was bringt die dritte Dimension außerhalb des Mainstream-Kinos?

Ich bin für jede Art von Innovation anfällig, deshalb hat mich gereizt, Wims Zugang zur 3D-Technik kennenzulernen. Ich interessiere mich schon immer für neue Formen der Erzählung in Filmen. Normalerweise verwendet man 3D für das Spektakelkino, um ihm mehr Dynamik zu geben. Hingegen ist hier die Action sehr minimalistisch. Die drei Dimensionen haben mehr die Aufgabe, das Publikum enger an die Figuren zu binden, ihnen mehr Einblick zu bieten, es mehr Präsenz der Schauspieler spüren zu lassen. Es ist eine Art, die Zuschauer an einen Tisch mit den Figuren zu setzen und die vierte Wand einzureißen, ohne dass sich dabei die Schauspieler direkt an die Zuschauer wenden müssten.

Sie haben relativ salopp formuliert, dass Sie Projekte recht rasch umsetzen. Zwei Monate, und dann das nächste. Waren Sie immer so schnell?

Früher war das ganz anders: Als sehr junger Schauspieler wollte ich ständig an meiner Schauspielerei arbeiten, ohne Unterlass. Ich hatte mich damals meinen Projekten unbedingt und uneingeschränkt gewidmet, manchmal auch für sechs oder neun Monate. Als ich 2001 in einem TV-Film James Dean darstellte, mied ich die Öffentlichkeit für Monate. Ich erzählte meinen Freunden, ich wäre leider nicht da, ich habe sogar meiner Freundin gesagt, dass ich sie nicht sehen will und auch nicht mit ihr sprechen kann. Das machte mich verrückt, aber ich brauchte das damals: Als junger Schauspieler will man doch seine Grenzen überschreiten, um zu sehen, wie weit man gehen kann.

Gehörten Sie früher zu jenen Schauspielern, die Ihre Rollen unbedingt auch im echten Leben nachempfinden wollten?

Früher wollte ich mehr über die Figuren wissen, die ich spielte. Einmal besetzte man mich als drogensüchtigen Unterstandslosen, und da verbrachte ich einige Nächte auf der Straße und ging zu einer Drogenstation, wo sie gratis Nadeln verteilten. Als ich in Nicolas Cages "Sonny" einen Stricher spielte, hing ich wochenlang mit männlichen Prostituierten ab. Damals war es mir wichtig, mich völlig meiner Kunst zu ergeben. Heute brauche ich das nicht mehr. Heute kann ich auch ein Privatleben haben.