Helmut Dietl hatte das, was man als mit Humor gefüllte Gelassenheit bezeichnen kann. Das zeichnete seine Filme aus, die mit viel bayerischem Charme sich selbst nie restlos ernst nahmen und gerade deshalb so viel Spaß machten. Das zeichnete aber auch ihn selbst aus, der nach dem Bekanntwerden seiner Lungenkrebserkrankung im Oktober 2013 das wohl vorgezeichnete Ende noch mit diesen Worten kommentierte: "Wenn man bedenkt, wie viel ich geraucht habe, dann ist es geradezu ein Wunder, dass es so lange gut gegangen ist."

Das klingt nach einem komischen Melancholiker, der eine seltsame Distanz zu sich selbst wahrt. Nach einem, der gerne gezündelt hat mit seinem Leben - und das stimmt zu einem gewissen Grad auch. Dietl hat sich in seinem Werk nie ein Blatt vor den Mund genommen, seine Figuren waren meist recht bissig, was durchaus positiv gemeint ist; bissig im Sinne von scharf gezeichneten Charakteren, die Ecken und Kanten hatten, wie er selbst, und die sich kompromisslos verhielten. Die Ehrungen, die Dietl zum Schluss bereits sichtlich gezeichnet entgegennahm - einen Bambi und den Deutschen Filmpreis, beide im Vorjahr für sein Lebenswerk -, gingen einher mit stehenden Ovationen, mit denen er in ihrer Drastik nicht gerechnet hatte: "Bitte setzen Sie sich wieder hin, sonst muss ich weinen", sagte er da. Aber weinen wollte er nicht.

"Münchener Geschichten" und vor allem der "Monaco Franze" haben Dietl berühmt gemacht, nachdem der 1944 im oberbayrischen Bad Wiessee nach seinem Studium der Theaterwissenschaft und der Kunstgeschichte einige Zeit als Aufnahmeleiter beim Fernsehen und Regieassistent bei den Münchner Kammerspielen gearbeitet hatte. Der Kriminalkommissar und "ewige Stenz" machte Helmut Fischer zum TV-Star und schuf den Prototypen eines grantelnden Lebemannes, der stets auf der Suche nach weiblicher Gesellschaft war. Motto: "Ein bissl was geht immer."

In seinen vier Serien, darunter auch "Kir Royal", die scharfzüngige Abrechnung mit der Münchner Bussi-Bussi-Gesellschaft, fühlte er der bürgerlichen und reichen Oberschicht treffend wie kein anderer auf den Zahn. Dietl selbst war kein Hochwohlgeborener, sondern stammte aus einfachen Verhältnissen - er ist ein bisschen wie sein Held Monaco Franze emporgestiegen in den gar nicht so erstrebenswerten Olymp einer Gesellschaft aus Neidern, Snobs und elitären Nullnummern. Trefflich hat er sie in seinen Filmen persifliert, allen voran in "Rossini" (1997), in dem Dietl nicht nur das Münchner Filmbusiness aufs Korn nahm, sondern auch seiner damaligen Partnerin Veronica Ferres ein Denkmal setzte: Sie spielte das Filmstarlet Schneewittchen, dem alle zu Füßen lagen. Als sich Ferres und Dietl zwei Jahre nach dem Film schlagzeilenträchtig trennten, inspirierte ihn das zu seinem Film "Vom Suchen und Finden der Liebe", den er 2005 realisierte. Wie so oft schrieb Dietl das Drehbuch gemeinsam mit Patrick Süskind, den er als einen seiner besten Freunde bezeichnete. "Monaco Franze", "Kir Royal" oder auch "Rossini" entstammten dieser Zusammenarbeit.

Alles schreit nach Satire


Vieles in der Karriere des Helmut Dietl verdankt sich außergewöhnlichen, aber realen Umständen aus der (Medien-)Welt: Die Vorlagen, etwa der Quotenwahn im Privat-TV, den er in "Late Show" (1999) thematisierte, wurden dem satirisch hochbegabten Regisseur quasi frei Haus geliefert. So wie auch bei seinem erfolgreichsten, zumindest aufsehenerregendsten Film "Schtonk!" (1992), in dem er die peinliche Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher im "Stern" aufs Korn nahm. Dietl erhielt dafür nicht nur den Deutschen Filmpreis, sondern auch eine Oscarnominierung. In seinem letzten Kinofilm "Zettl" (2012) kehrte Dietl nochmals zu seinem Lieblingsthema zurück und zerrte wie in "Kir Royal" die Upper Class Münchens vors Objektiv.

Seine Pointen zündeten vor allem wegen seiner Genauigkeit: Weil Helmut Dietl die Klaviatur der zwischenmenschlichen Töne im Film so gut beherrschte, weil er das richtige Timing für den Schmäh besaß, nannte man ihn gerne den Billy Wilder von München, für manche passte Woody Allen besser. Am Ende aber ist Dietls Handschrift doch einmalig geblieben: vom bayerischen Idiom geprägt, eine Verbindung vom bodenständigen zum völlig losgelösten Zustand schaffend, irgendwo zwischen sehr abgehoben und sehr tief unten zugleich. Einmal vom Glamour in die Gosse und retour. Besser geht’s nicht.